schneeraben.de - Philosophische Reisevorbereitungen von Thomas H. Jäkel

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Das Skriptorium

 

 

Autoritäten

von Thomas H. Jäkel

 

 

„Bringen diese Artikel Lösungen für Probleme, an denen wir alle zu knabbern haben?“ Wenngleich auch im Folgenden etwas polemisch gehalten, so repräsentiert die so vorgetragene Leserkritik sicherlich nicht nur den Unmut der Situation, sondern in ganz besonderem Maße den Wunsch nach Lösungen, die ganz offenbar nicht einfach zu haben sind. So schmeichelhaft auch die Annahme sein möge, dass wir all die Antworten auf die drängenden Fragen des Lebens haben, so klar ist doch wiederum die Antwort auf die Frage, nämlich: nein.

 

Nun können sie an dieser Stelle natürlich gleich damit aufhören, den Rest dieses Artikels zu lesen. In der Tat ist uns allen genau dieses jederzeit freigestellt, denn als mündige Bürger entscheiden wir selbst, was wir uns antun, womit wir uns beschäftigen und wofür wir letztlich unser Interesse einsetzen. Vielleicht ist es gerade dieser Ansatz, der immer wieder meine Verwunderung hervorruft, wenn ich an einem Kiosk die angepriesene Literatur bewundere und mich frage, warum es ganz offensichtlich eine große Nachfrage für „Lösungsbücher“ und gleichgeartete Zeitungen gibt, die vorgeben genau diese Antworten in Fülle vorrätig zu haben.

 

Bei genauerer Betrachtung fällt es sogar schwer zu glauben, dass eine für alle Leser veröffentlichte Lösung auch nur einen Bruchteil der Dinge erfasst, mit denen wir uns tatsächlich herumschlagen und die in der Tat nach einer effektiven Lösung verlangen. Auch wird kaum einer der Leser dieser „Lösungsbücher“ je zugeben, dass er seine privaten oder beruflichen Lösung aus einem dieser Lebensratgeber kopiert und nun in seinem Leben tatsächlich angewandt hat. Und doch verkaufen sich diese Lektüren ausgesprochen gut, ohne jemals den Erwartungen gerecht zu werden.

 

Im Jahre 1778 schrieb Gotthold Ephraim Lessing: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“ Ist es opportun sich Wahrheiten zu kaufen, um so in den Besitz der Wahrheit schlechthin zu gelangen oder sind Wahrheiten und damit auch Lösungen nur durch ein stetes Streben nach der Wahrheit selbst zu erlangen? Für Lessing waren die mit diesem Streben nach Wahrheit verbundenen Widersprüche und Irrtümer, die sich zwangsläufig aus der begrenzten Erkenntnisfähigkeit und Fehlbarkeit des Menschen ergeben, eher verzeihlich und weniger schlimm als das starre und sture Beharren auf dogmatischen Positionen, die als einzig gültige Wahrheit verkauft werden, sei es in religiösen, politischen oder literarisch-wissenschaftlichen Fragen.

 

Unser ganzes Leben hindurch wird uns vorgegeben, was richtig und was falsch ist. Dieses Spiel wird in der Kindheit begonnen, setzt sich während unserer Ausbildung fort und findet auch kein Ende, wenn wir dann irgendwann einmal unsere berufliche Karriere beginnen. Damit ist es jedoch keinesfalls getan, denn auch im Privatleben bedrängt man uns mit „Wahrheiten“ und Verhaltensregeln. Trotz entsprechender Beteuerungen wird uns dabei kaum flexibles oder kritisches Denken unterstellt, sondern in ganz einfacher Form unser Bedürfnis nach Autoritäten ausgenutzt. Und genau diese Autoritäten rufen wir an, wenn wir nach fertigen Lösungen und Wahrheiten fragen.

 

Was aber ist Autorität? Eine Definition des deutschen Dudens erklärt dies als „ ein auf Leistung oder Tradition beruhender maßgebender Einfluss einer Person oder Institution und das daraus erwachsende Ansehen“. Die vorgenannte Definition lässt jedoch offen, wie diese Person oder Institution zu solch einem Einfluss und Ansehen gelangt und welche Auswirkungen Autoritäten haben. So hat die katholische Kirche in einem in der Geschichte wohl einmaligen Vorgehen ihre eigene Kompetenz und Autorität ein für allemal selbst geregelt, als sie mit dem Ersten Vatikanischen Konzil im Jahre 1870 die Unfehlbarkeit des Papstes festgestellt hatte und damit drohte, jeden Zweifler für dessen Irrglauben mit dem Anathema, also der Exkommunikation, zu belegen. Uns Sterblichen ist ein solches Vorgehen leider vorenthalten und Autorität muss noch immer erarbeitet oder anderweitig erlangt werden.

 

Die Frage ist also, ob sich Autorität von selbst entwickelt oder ob wir es selbst sind, die diese Autorität vergeben und damit erst entstehen lassen. Sicherlich, wir alle haben schon einmal die Situation erlebt, dass eine Person den Raum betritt und unmittelbar respektvolle Ruhe verursacht, ohne dass diese Person auch nur irgend einem der Anwesenden bekannt ist. Zwar liegt es nahe in solchen Fällen der eintretenden Person den Besitz von Autorität zu unterstellen oder ist es eher das, was wir aufgrund verschiedener Äußerlichkeiten in diese Person projizieren, um diese somit zur Autorität zu machen. In der Tat schaffen wir uns ständig Autoritäten, die dann in der Folge unser Leben nachhaltig beeinflussen. Ungeachtet der Tatsache, ob es sich hierbei um den Vorstand des lokalen Fußballvereins, den Klassensprecher, den Abteilungsleiter oder einen Staatspräsidenten handelt, diese Personen werden mit Macht und nicht selten mit entsprechenden Insignien ausgestattet. Doch auch die Definition des Dudens spricht nicht von Macht, sondern von Autorität und erfordert daher eine weitere Komponente, denn zur Autorität wird auch der Mächtigste erst, wenn wir diese Person als eine solche Autorität erachten.

 

Leider wird genau diese Autorität oft bereits dann unterstellt, wenn wir auf entsprechende Symbole wie Titel, Kleidung, Autos oder Familiennamen reagieren. Die Folge ist, dass wir dazu neigen, Anweisungen dieser sogenannten Autoritäten automatisch auszuführen ohne die Autorität zunächst ausreichend in Frage zu stellen und zu prüfen. Autoritäten ersetzen unsere Kritikfähigkeit und, um das Ganze noch perfekt zu machen, werden diese Autoritäten von uns mit denselben Attributen der Unfehlbarkeit belegt, wie dies die katholische Kirche für sich in Anspruch nimmt.

 

Wie sonst kann es angehen, dass sich viele nun allzu bestürzt zeigen, wenn wir erfahren, dass mit unserem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl doch etwas nicht ganz koscher gewesen sei. Anscheinend erwarten die meisten doch allen Ernstes, dass ein normaler Mensch schon dadurch fehlerfrei und über jeden Zweifel erhaben ist, nur weil wir ihn zum Führer unseres Landes gemacht haben. Welch’ verklärtes Bild tritt hier angesichts der Ergebnisse einer solch langen Amtszeit zutage und: wird dem Betroffenen nun auch rückwirkend die Autorität entzogen? Und welche Beweggründe stehen hinter der scharfen Kritik an dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz Karl Lehmann, der sich letztlich nur Gedanken über den gesundheitlichen Zustand des Papstes gemacht hatte. Autoritätsentzug?

 

Wie weit geht Autorität und wo beginnt der normale Menschenverstand? Nun, wenn wir diesen Personen und Institutionen schon unseren Respekt bekunden und ihnen die notwendige Autorität verleihen, dann wollen wir uns auch blind darauf verlassen, dass diese Autoritäten all die Fragen des Lebens und der Gemeinschaft nicht nur allwissend behandeln, sondern darüber hinaus in keinem Falle die Fehlbarkeiten mitbringen, die wir nur zu gut in uns selbst sehen. Und so entsteht eine verhängnisvolle Wechselwirkung, da die im Rampenlicht stehenden Autoritäten wiederum nur allzu gerne ihre Entscheidungen eben danach fällen, was von den Umfragen als populär ausgewiesen wird und nicht danach, was sie selbst für richtig erachten.

 

Können wir uns dann auf die Antworten und Lösungen der Autoritäten verlassen oder wäre es doch eher angebracht uns im Sinne aufklärerischen Denkens dem Kampf gegen Vorurteile und dem Eintreten für die Vernunft zu verschreiben. Ist Wahrheit nicht etwas allzu Persönliches, das wir durch Nutzung unserer eigenen Ressourcen finden und begründen müssen oder ist es etwas was wir aufgrund unseres Vertrauens in Personen oder Institutionen von Anderen erhalten können? Die Frage ist berechtigt, denn auch das Vertrauen in andere Personen oder Institutionen setzt zwingend voraus, dass diese nach unserem Standard denken und handeln. Damit wird unsere eigene innere Autorität zum Maß der Dinge, welches sich letztlich nicht hinter die Wahrheiten anderer stellen kann, denn schließlich sind wir ja auch noch für unsere Aussagen und Handlungen verantwortlich.

 

Nein, jegliche Wahrheit kann nur in uns selbst entstehen und erfordert in diesem Sinne keine fertigen Lösungen, Kochrezepte oder heiße Tipps, sondern Alternativen, Lösungsansätze und Ideen, die wir dann abwägen und gegebenenfalls als gewichtig genug empfinden, um sie in unser persönliches Portfolio zu übernehmen. Meinungen werden zu oft gemacht und zu selten entstehen sie auf natürliche Weise. Und selbst wenn einmal Menschen mit fertigen Lösungen und Erkenntnissen laut werden, dann bedeutet das noch lange nicht, dass die Obrigkeit und ihre hörige Masse dies auch zulässt oder akzeptiert. Der Disput zwischen dem Papst und den Wissenschaftlern Galileo und Kopernikus stehen hierfür sinnbildlich. Es ist eben auch viel einfacher, Vorgekautes als Wahrheit zu akzeptieren und sich die Mühe der eigenen Wahrheitsfindung zu ersparen. Erfolg jedoch verspricht nur die stete Suche nach der Wahrheit und den Lösungen, die sich wirklich und effektiv auf unser eigenes ganz persönliches Leben anwenden lassen.

 

Sollten sie also fertige Lösungen und heiße Tipps suchen: sie werden diese zumindest auf dieser Seite nicht finden.