schneeraben.de - Philosophische Reisevorbereitungen von Thomas H. Jäkel

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Das Skriptorium

 

 

Hagenbuch

Der Traum

 

von

Thomas H. Jäkel

 

 

 

Schon seit einigen Tagen hatte Hagenbuch in seinem Inneren deutliche Veränderungen bemerkt und er entnahm diesem Gefühl, dass sich sein Leben langsam dem Ende zuneigen musste, was er nicht zuletzt dem Umstand zuschrieb, dass sich der schwarze Rabe jetzt jeden Tag zu ihm gesellte und nicht, wie gewöhnlich, darauf wartete, bis er zu ihm auf den Friedhof kam. Dieser gefiederte Geselle war nun sein einziger Freund und mit jedem Blick, den sie sich schenkten, erstarkte auch die Freundschaft zwischen ihnen. Hagenbuch saß in seinem Stuhl nahe dem offenen Fenster zum Garten und der Rabe blickte ihm über die nackte Schulter in das wie immer dunkle Zimmer, in welches Hagenbuch nun unentwegt hineinsprach und angestrengt versuchte, dem Raben alles zu erzählen, was in ihm vorging. Der Rabe hörte andächtig zu bis Hagenbuch alle Worte verbraucht hatte und nur noch starr vor sich in die Dunkelheit blickte. Nun erst bewegte sich der Rabe ganz langsam wieder, tastete sich einige Schritte voran und sprang dann vorsichtig auf Hagenbuchs Schulter. Er blickte Hagenbuch von der Seite in die Augen und presste dann seine schwarzen Krallen so fest in Hagenbuchs Fleisch, bis diesem das frische Blut langsam über die Brust lief. Alles war jetzt ruhig und Hagenbuch schlief fest in seinem Stuhl. Nur der Rabe saß noch immer auf Hagenbuchs Schulter und verfolgte, wie Hagenbuch sich in seinen Träumen verlor.

 

Hagenbuch fand sich im Dunkeln wieder und der einzige Ausweg waren zwei ungewöhnlich große Augen, durch die er in eine bergige Landschaft blickte, die fast vollständig von dem aufkommenden Nebel überzogen war, der sich inzwischen über dem nahe gelegenen See gebildet hatte und sich gespenstisch über alles ausbreitete, was in seinem Weg lag. Hagenbuch konnte sich selbst nicht mehr bewegen und war daher vollständig auf diese zwei Augen angewiesen, die er zwar durch seine Gedanken in jede Richtung zu lenken vermochte, die aber ohne Zweifel nicht ihm gehörten. Seine Versuche, sich etwas Raum zu verschaffen und zumindest seine Hände zu bewegen, blieben erfolglos. Erst als er seinen Blick vom Horizont abwandte und mit diesen seltsamen Augen ins Innere der Dunkelheit blickte, wurde ihm bewusst, dass er am Rande eines dichten Waldes stand und dort fest mit einem Baum verwachsen war. Nun erst konnte er fühlen, wie seine Hände sich mit dem Holz verbunden hatten und als dürre Äste in den Abendhimmel ragten, sich im Winde wiegten und unter der Last der Blätter stöhnten. Mit seinen Beinen jedoch durchdrang er den weichen Boden und verlor sich in der Weite des Erdreichs, wo er sich mit den unzähligen Wurzeln anderer Bäume verband, bis er letztlich darüber die Besinnung verlor. Mit dem Einbruch der Nacht verschwanden diese Bilder und nur der Nebel war wie eine Ahnung noch im schwachen Licht des Mondes zu sehen. Hagenbuch konnte die aufziehende Kälte der Nacht spüren, die sich über das Land gelegt hatte und alle Gefühle in die Tiefe des Erdreichs verbannte. Hier im Grab des Lebens, aus dem seit allen Zeiten jedes neue Leben entstand, konnte er die Wärme und Geborgenheit der Mutter spüren, die er gesucht und nie gefunden hatte. Hier waren seine Gedanken nur noch kleine Perlen, die sich wie klare Wassertropfen an einer seidenen Schnur aufgereiht hatten und langsam an ihm vorbeizogen. In dieser Dunkelheit des Erdreichs verschwanden schließlich alle Gefühle, doch wurde Hagenbuch die unendliche Harmonie und die Klarheit allen Seins bewusst, es vereinnahmte ihn geradezu und ließ ihn schließlich werden, wozu er einst geboren wurde.

 

Hagenbuch bemerkte nun, dass die Wurzeln damit begonnen hatten, kleine Lichtstrahlen von der Oberfläche in die Tiefe zu ziehen und den Gedanken wieder Form und Inhalt zu geben, sie aufsteigen zu lassen und zu schaffen, was sich selbst nicht schaffen konnte. Die Nacht wich widerwillig den Boten des Tages und die Sonne übernahm die Geister der Nacht, machte sie zu Bäumen, Bergen und Wolken, bis sich die Welt schließlich wieder selbst erschaffen hatte und das Leben für einen weiteren Tag an die Hand nahm. Hagenbuch, von diesen Veränderungen geradezu angezogen, wurde zunehmend neugierig und suchte den Weg an die Oberfläche, denn er wollte selbst sehen, was die Ursache für dieses Schauspiel war, bei dem sich Worte langsam in einem harmonischen Klang verbanden und sich in Poesie ergaben, wie er dies zuvor noch nie erlebt hatte. Vor ihm lag noch immer die in den dichten Nebel gehüllte Landschaft und nur die Berge, die daraus hervorragten, erstrahlten im hellen Licht der aufgehenden Sonne. Am Ufer des Sees jedoch machte sich etwas im Schutze der Dunkelheit zu schaffen, was Hagenbuch zunächst für wilde Pferde hielt. Doch schon bald wurde dieser vermeintliche Schatten größer und er konnte erkennen, wie sich Menschen aus dem Nebel in die Landschaft ergaben und direkt auf ihn zurannten. Es waren Frauen, die mit wehenden Haaren über die Wiesen stürmten und ihre Augen dabei genau auf Hagenbuch gerichtet hatten. Ihre Säbel und Lanzen blitzten im stärker werdenden Licht der Morgendämmerung und mit ihnen kamen Angst und Schrecken. Hagenbuch konnte sich noch immer nicht bewegen und würde dem Angriff schutzlos ausgeliefert sein. Und dann hatten die ersten Frauen den Waldesrand erreicht. Sie schrien wie wild geworden auf Hagenbuch ein und stießen ihre Lanzen, Schwerter und Messer tief in seinen Leib. Ihre Gesichter waren dabei wie diabolische Fratzen entstellt und Hagenbuch glaubte in dieser Menge nicht nur alte Weiber, sondern auch anmutige Gestalten junger Mädchen und sogar solche von kleinen Kindern erkennen. Der wütende Strom schien aber kein Ende zu nehmen und immer mehr blutrünstige Weiber entkamen dem Nebel, nur um Hagenbuch ihre ganze Wut ins Herz zu stoßen.

 

Hagenbuch empfand keinen Schmerz, als die Frauen seinen Leib mit ihren Waffen durchbohrten. Er bewegte sich nicht und machte auch keinerlei Anstalten, sich von dem Baum zu lösen, der ihm Schutz gab und ihn mit der Erde verband. Ganz in Gedanken versunken, ließ er alles über sich ergehen und hoffte insgeheim, dass diese Weiberbrut von alleine wieder von ihm ablassen würde, denn er konnte sich nicht vorstellen, welchen Sinn ein solch emotionales Gebaren zum Ziel haben könnte. Je länger diese Furien auf ihn einstachen, umso mehr empfand er nur noch Langeweile, ein Gefühl, das ihm verhasster war als der Schmerz selbst. Die Sonne hatte schon vor langer Zeit ihren höchsten Punkt überschritten und mit jeder Stunde, die nun so langsam am Waldesrand verging, veränderte sich auch das Licht und die Welt, die noch immer in ihrer betörenden Schönheit vor Hagenbuch lag. Mit Einbruch der Dämmerung schloss Hagenbuch endlich die Augen, trat einen Schritt aus der Dunkelheit des Waldes hervor und ging dann durch die immer noch schreiende und keifende Menge hindurch. Auch der Baum hatte keinen Widerstand mehr geleistet und ihn freigegeben, um sich auf seinen Weg in das nahe gelegene Tal zu machen. Niemand berührte ihn und die blutrünstigen Weiber liefen verwirrt um die Bäume, weil sie ihn von nun an nicht mehr sehen konnten. Hagenbuch war ganz in sich selbst versunken, wandelte über die Feldwege und verlor sich ab und an wieder im Wald. Er war frei und fühlte die Kraft der Erde in sich, deren Teil er noch vor wenigen Minuten war. An einer der vielen Wegkreuzungen hielt er plötzlich inne und begann mit seinem Vater zu sprechen, der dort an einem alten Ast hing und ihm die Hand reichte. Er zögerte ängstlich und zauderte für einen Moment, bevor er dem Vater auch seine Hand reichte. Gemeinsam setzten sie den Weg fort.

 

Bevor sie das Tal erreichten hielt der Vater an und blickte Hagenbuch in die Augen. Es war Zeit sich zu trennen und jeder musste den letzten Teil des Weges jetzt für sich alleine gehen. Es schmerzte Hagenbuch, die Hand des Vaters nach all den Jahren wieder loszulassen, doch spürte er, dass seine größte Aufgabe noch vor ihm lag und dieser Abschied nicht für immer war. Hagenbuch blickte nicht zurück, sondern schritt entschlossen in das Dunkel der Dämmerung und hielt nicht mehr an, bis er sich einer Lichtung näherte, wo er von seltsamen Geräuschen aufgeschreckt wurde. Vor ihm lag ein Schlachtfeld unermesslichen Ausmaßes. Überall lagen tote Krieger mit Lanzen, Schwertern oder Äxten in ihren gebrochenen Körpern und das frische Blut dieser armen Seelen rann über das Feld in den Fluss und schließlich in den See. Hagenbuch wusste, dass er sich dieser Herausforderung nicht entziehen konnte und auch nicht durfte, wenn er seine Seele retten wollte. Noch immer war der Kampf in vollem Gange und das Gemetzel zog sich über das ganze Tal hinunter bis zu den angrenzenden Bergen. Es war Hagenbuch jedoch nicht ersichtlich, welche Kräfte sich da gegenseitig in den sicheren Tod trieben und vor allem, welche Rolle ihm in diesem epischen Schauspiel zugewiesen war, außer eines kläglichen und grausamen Todes zu sterben. Es blieb ihm nicht viel Zeit sich zu entscheiden, denn die Schlacht zog ihn langsam und ohne sein Zutun in sich hinein, bis er sich inmitten der größten und mächtigsten Krieger befand, die zu seinem Glück anscheinend keinerlei Notiz von ihm zu nehmen schienen. Hagenbuch blickte besorgt um sich, schloss die Augen und legte sich dann auf den Boden, um dort seinen Tod zu empfangen. Er wollte nicht mehr kämpfen, sich nicht mehr an diesem Leben festhalten und er wollte auch kein anderes Leben zerstören. Für eine kurze Zeit lag er dort am Boden und öffnete die Augen erst, als er das Herannahen eines Kriegers fühlen konnte, der ihm nur allzu vertraut war. Hagenbuch blickte nach oben und konnte im Abendhimmel die Umrisse eines Helmes sehen, der ihn an die Krone des Papstes erinnerte. Es war eine wuchtige Gestalt, die sich da vor ihm aufgebaut hatte und deren Gesicht er trotz aller Bemühungen nicht erkennen konnte. Der Krieger stand aufrecht da und stützte sich auf ein Schwert, das Hagenbuch wie ein riesiges Kreuz vorkam. Langsam erhob der Krieger dieses Schwert und stieß es Hagenbuch direkt ins Herz.

 

Das Bild des Kriegers verschwand allmählich und Hagenbuch öffnete langsam und vorsichtig die Augen. Er sah sich zögerlich um und betastete dann mit seinen Fingerspitzen die Stelle auf seiner Brust, in die der Krieger das Schwert gestoßen haben musste. Der ruhige Schlag seines Herzens beruhigte ihn, doch konnte er genau fühlen, dass frisches Blut an seinen Fingern klebte. Erst jetzt bemerkte er auch den stechenden Schmerz in der Schulter und entdeckte dort die Krallen des Raben, die noch immer tief in sein Fleisch gepresst waren. Der Rabe neigte ganz langsam den Kopf und sah Hagenbuch tief in die Augen. Es war vorbei und der Rabe zog seine Krallen langsam zurück, flog aus dem Fenster in die anbrechende Morgendämmerung und verschwand ohne ein weiteres Wort in der Ferne.