schneeraben.de - Philosophische Reisevorbereitungen von Thomas H. Jäkel

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Das Skriptorium

 

 

Neues Denken braucht die Welt

von Thomas H. Jäkel

 

 

Die Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht drastisch verändert und hierbei versucht, die Folgen einer ausgedehnten wirtschaftlichen, politischen und technologischen Entwicklung zu verarbeiten. So hat das für alle inzwischen spürbare Erwachen Chinas und Indiens genau so zu einer Veränderung der Weltlage geführt, wie dies durch die Veränderungen in Russland und Brasilien der Fall ist. Obwohl die Ursachen dieser Veränderungen in der Regel politischer Natur waren, so sind die sich hieraus ergebenden Konsequenzen mehr und mehr in ganz anderen Bereichen zu finden. Auch wenn unter Globalisierung zumeist nur die wirtschaftliche Neuordnung der Weltmärkte verstanden wird, kann man schon heute deutliche Änderungen in sozialen, politischen, kulturellen, aber auch in den umweltrelevanten Bereichen finden, die in ihrer Charakteristik mehr als nur eine Randerscheinung sind und in sich die Fähigkeit besitzen, die Welt an den Rand einer globalen Krise zu bringen. Zunehmend wird daher die Frage gestellt, wo all dies enden wird und was im Einzelnen zu tun ist, um eine solche Krise in unserem eigenen Interesse zu verhindern. Eine Antwort auf diese Frage kann aufgrund der zugrunde liegenden Komplexität des Problems weder Anspruch auf Absolutheit, noch auf Vollständigkeit erheben. Um den bestehenden und noch zu erwartenden Folgen der Globalisierung sinnvoll zu begegnen, bedarf es jedoch einer Änderung in der Denkweise und vor allem im Selbstverständnis aller Nationen.

 

Eines der Hauptprobleme der Globalisierung ist, dass diese Entwicklung vor dem Hintergrund nationaler Interessen stattfindet und damit für alle Teilnehmer eine nicht zu unterschätzende Herausforderung darstellt. Die auf internationaler Ebene zu erbringenden Opfer und Zugeständnisse müssen zwingend durch geeignete Instrumente in die nationale Struktur eingebettet und integriert werden, um die Akzeptanz in der eigenen Gesellschaft zu gewährleisten. Geschieht dies nicht, dann entstehen auf nationaler Ebene unakzeptable Diskrepanzen, die in ihrer Art dann wiederum geeignet sind, Extremisten auf den Plan zu rufen oder dem organisierten Verbrechen alle Türen zu öffnen. Auch wenn manch ein Politiker der Meinung ist, man könne dem einfachen Volke alles verkaufen, so hat die Geschichte uns zumindest eines gelehrt und das ist, dass sich der Wille des Volkes auf die Dauer immer durchgesetzt hat. Damit wird auch klar, dass eine auf Dauer konzipierte einseitige Verteilung der Güter keinen Erfolg haben wird und in jedem Falle zu Problemen führt, die wir aus heutiger Sicht nicht einmal in ihrem Grundsatz abschätzen können. Globalisierung erfordert daher im Gegenzug auch, dass die internationale Gemeinschaft die Belange der einzelnen Nationen klar erkennt, versteht und berücksichtigt. Nimmt man die gegebene Situation Chinas als Beispiel, dann muss man verstehen, welche Auswirkungen schon eine Verknappung der Lebensmittel um lediglich 5% haben könnte. Bei einer Bevölkerung von über 1,3 Milliarden Menschen entspricht diese Verknappung dem Jahresbedarf eines Landes wie Thailand. Gleichermaßen sind die Auswirkungen der Landflucht zu sehen, die in China ganz andere Dimensionen annimmt, wie dies in kleineren Ländern der Fall ist. In der Konsequenz muss sich China daher ganz anders und viel sorgfältiger verwalten, um für sich und andere Staaten negative Folgen zu verhindern. Ist es daher verwunderlich, dass nationale Interessen im Vordergrund stehen? Im Grunde ist die verstärkte Nationalisierung eine direkte Folge dieser Globalisierung, da in Abwesenheit einer ausgleichenden Instanz jedes Land sich selbst überlassen ist und sich so gut wie möglich mit den Herausforderungen auseinandersetzen muss.

 

Am 14. April 2003 nahm Zha Peixin, Botschafter der Volksrepublik China für Großbritannien und Nordirland, in seiner Rede vor der Jahreskonferenz der „Chinese Economic Association“ zur Position Chinas in der Globalisierung Stellung. Danach hat China nach langen Jahren der Isolation erkannt, dass kein Land in der Lage ist, sich ohne internationale Kooperation zu entwickeln. Zha Peixin macht jedoch auch klar, dass die Globalisierung durch das Fehlen eines gerechten und ausgleichenden Weltwirtschaftssystems zu unterschiedlichen Folgen vor allem in weniger entwickelten Ländern führt, da die Erträge aus diesem Prozess nicht gleich verteilt werden. Dennoch will sich China dieser Herausforderung mit geeigneten Maßnahmen stellen und die Vorteile der Globalisierung nutzen, um eine Verbesserung der Lebenssituation des chinesischen Volkes zu erreichen. In einem wirtschaftlichen Gesamtkontext, der über viele Jahre ohne die Präsenz Chinas gewachsen ist, muss der Aufstieg Chinas jedoch zwangsweise zu einer Anpassung der globalen Strukturen führen, will man vermeiden, dass sich die Globalisierung zu einem Nullsummenspiel entwickelt. Das letzte Jahrzent hat uns gezeigt, dass China nicht nur ein sensationelles Wirtschaftswachstum geschaffen, sondern auch wie ein überdimensionaler Staubsauger Investitionen aus anderen Ländern abgezogen hat. Darüber hinaus hat China einen unersättlichen Hunger für Rohstoffe entwickelt und die Weltmärkte mit Billigprodukten überzogen, was vor allem in den alten Industrienationen zu vehementen Arbeitsplatzverlusten geführt hat. In einer nun anstehenden Phase breitet sich China auch durch eigene Investitionen aus, um seine strategische Position weiter auszubauen. Diese Bemühungen werden ganz konsequent durch Forschung und Lehre untermauert. Darüber hinaus versucht das Land sich von der bestehenden technologischen Abhängigkeit freizuschwimmen und eigene Produkte in allen Bereichen zu schaffen. Wird dieser Prozess in den nächsten Jahren konsequent fortgeführt, dann wird sich die Welt nachhaltig ändern und vor allem die USA und Europa sollten sich mit einem drohenden Verlust ihrer bisherigen Vormachtstellung anfreunden.

 

Der Weg Chinas zur dominanten Weltmacht wird durch verschiedene Faktoren begünstigt, die in sich geradezu Alleinstellungsmerkmale sind und weder den USA noch den Europäern als solches zugänglich sind. Auch wenn die Länder Asiens sich derzeit noch verstärkt auf die US und EU Märkte konzentrieren, kann dies nicht als strategische Ausrichtung gewertet werden. Derzeit sind einfach die meisten Dollars und Euros in diesen Märkten zu erhalten. Was bei dieser Betrachtung gerne übersehen wird ist, dass China eben nicht nur die uns allen bekannte Volksrepublik ist, sondern ein internationales Netzwerk von sogenannten Überseechinesen, die ihren Einfluss weit über Taiwan oder Hong Kong hinaus geltend machen. Allein in Thailand liegt ein beachtlicher Teil der Wirtschaft und des Finanzwesens in ethnisch chinesischer Hand und dies ist kein Einzelfall. Auch in anderen Ländern gibt es heute schon eine gewachsene Geschäftskultur, die sich China bedeutend näher fühlt als den USA oder Europa. Ganz im Sinne der alten Lehre von Sun Tzu wird hier in aller Stille ein effizientes Netzwerk aufgebaut und nur Wenigen wird die fortschreitende Vernetzung in ihrer ganzen Bandbreite deutlich und bewusst. Diese Affinität ist durchaus begründbar. So spielt hier nicht nur die geografische Nähe eine entscheidende Rolle, sondern vor allem so wichtige Aspekte wie militärische Sicherheit, gemeinsame Kultur, Weltanschauung und natürlich der Gedanke, dass es sich hierbei um die Entstehung einer asiatischen Macht handelt, die in ihrem Wesen in jedem Falle attraktiver ist, als jede wie auch immer geartete Macht am anderen Ende der Welt.

 

Wir alle haben bereits einen Vorgeschmack auf das bekommen, was uns in nicht allzu ferner Zukunft als Folge dieser Entwicklung erwarten wird. Haben wir vor vielen Jahren ein „made in Japan“ noch als Billigprodukt empfunden, so kennen unsere Kinder kaum noch Rollei, Uher, Geha, Grundig oder andere Marken, die einst für Innovation und Fortschritt standen. Nahezu alle elektronischen Geräte und ein wachsender Anteil bei Maschinen, Fahrzeugen und anderen Produkten kommt heute aus Japan, Korea oder Taiwan. So hat zum Beispiel die chinesische Textilindustrie bereits heute breitflächig Produktionsstätten in anderen Ländern vernichtet. Gerne mag man sich hier fragen, wer seine T-Shirts heute noch in Deutschland produziert, wenn selbst in Thailand ein Großteil der Textilfabriken geschlossen hat? Verglichen mit der potenziellen Wirtschaftsmacht Chinas ist das jedoch nicht zu vergleichen und die heutigen Industrienationen können sich mit Beratung, Forschung und Hochtechnologie kaum ausreichend über Wasser halten, um ihren Menschen auch weiterhin ein Leben in Wohlstand zu ermöglichen. Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas wird auch in Zukunft anhalten und schon durch die bereit stehenden Märkte Asiens gespeist werden. Länder wie Thailand oder Singapore haben sich eng an China angeschlossen und tätigen beachtliche Investitionen in allen Industriesektoren. So gehen die meisten Länder Asiens davon aus, dass ihr Wachstum auf die Dauer eher durch einen Anschluss an das chinesische Wirtschaftswunder gewährleistet wird. Schließlich bestehen hier ja auch über Jahrhunderte gewachsene Handelsbeziehungen, die an ihrer Effektivität bislang nichts verloren haben. Hinzu kommt der Aspekt der politischen Affinität und die Tatsache, dass die USA, wie auch die EU, sich in ihrer Geschichte immer wieder in innere Angelegenheiten der Länder Asiens eingemischt haben. Hier zeigt China eine ganz andere Position und ist damit wesentlich kompatibler als die Herren aus fernen Ländern.

 

Ein fortschreitender Zerfall der Produktionsstätten in den Industrienationen und die dabei zugrunde liegende Verschiebung der Märkte in den asiatischen Bereich, wird zu nachhaltigen sozialen Problemen in den USA und Europa führen. Wenn heute bereits Firmen ihre Gewinne deutlich steigern und gleichzeitig massenweise Mitarbeiter entlassen, dann ergibt sich hieraus keineswegs ein stabiles und positives Bild der Märkte in Europa und den USA. Nimmt man nun die Zuwanderung aus anderen Staaten und vor allem aus Afrika hinzu, dann werden sich die Industrienationen sehr bald mit Problemen auseinander setzen müssen, die heute noch als Randerscheinung betrachtet werden. Dabei ist der internationale Terrorismus noch eines der zu bewältigenden Probleme, denn wenn der Lebensstandard nicht mehr zu halten ist und die Zukunft mehr und mehr ins Ungewisse gerät, dann wird unweigerlich der Nährboden für nationalistische und rechtsradikale Gruppen geschaffen. Als Folge hiervon können die Regierungen wiederum nur mit Protektionismus und mit einschneidenden Maßnahmen in die Bürgerrechte reagieren. Genau dies ist derzeit selbst in den USA zu beobachten und es scheint, dass die Globalisierung bereits ihre ersten Ängste im Gewebe der Betreiber der Globalisierung eingebettet hat.

 

Ein neues Denken ist also erforderlich und dies kann nicht mehr durch einseitiges Gewinnstreben erreicht werden. Der traditionelle Wettbewerb steht heute in dem Kontext einer wachsenden Umweltzerstörung, Ressourcenknappheit und vor allem weltweiter Armut und wachsender Migration, sowie den sich hieraus ergebenden globalen Sicherheitsproblemen. Der Versuch des einseitigen Überlebens wird dabei im Falle des Iran genau so deutlich, wie dies im Falle Nordkoreas oder anderer Länder der Fall ist. Nur wenn unsere Ziele darin zu finden sind, dass wir das tun, was nicht nur für uns selbst, sondern auch für die internationale Gemeinschaft von Vorteil ist, erst dann können sich die Länder einer Globalisierung anschließen, die nicht ausschließlich eine Gewinnmaximierung, sondern eine globale Integration, gemeinsames Wachstum und eine gerechte Verteilung der Güter zum Ziel hat. Um dies zu erreichen, müssen Schmerzen ertragen, Besitzstände aufgegeben und neue Wege gegangen werden. Wenn die USA heute davon sprechen, dass weltweit nur durch einen Export der Demokratie stabile Zustände geschaffen werden können, dann muss dem entgegen gehalten werden, dass jedes Land mit seiner eigenen Staatsform auskommen kann, aber nicht die Welt als solches. Wer es mit der Zukunft der Welt und der Menschheit ernst meint, der muss auch die Demokratie globalisieren in der alle Menschen, ihre Belange und Bedürfnisse entsprechend repräsentiert werden. Tun wir das nicht, dann wird der Treibhauseffekt noch das geringste unserer Probleme sein.