schneeraben.de - Philosophische Reisevorbereitungen von Thomas H. Jäkel

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Das Skriptorium

 

 

Reisevorbereitungen

Nachdenkliche Aufräumarbeiten

 

von

Thomas H. Jäkel

 

 

 

In den letzten Tagen haben sich die Grenzen mehr als sonst verschoben und, wie so vieles, das sich über die letzten Jahre auf so seltsame Weise ereignete, waren es auch diesmal nur unscheinbare Veränderungen, die für sich zunächst keine besondere Aufmerksamkeit forderten und sich somit harmonisch in ein Bild einfügten, das langsam in mir zu wachsen begann.

 

Zu Anfang folgte ich den in sich verschlungenen Wegen des Knotens noch mit abwesendem Interesse und empfand dabei eine tiefe Verbundenheit mit dieser vergessenen Zeit, die sich über die Jahrhunderte wohl im Nichts unserer Vorstellungskraft verloren hatte. Die Anordnung des Knotens war perfekt, eigentlich zu perfekt und ich vermutete, dass sich in diesen endlos dahinziehenden Strömen eine durchlässige Stelle befinden musste, ein Tor vielleicht, durch das es möglich wäre in den Raum hinter dem Knoten zu gelangen. Doch die Struktur des Knotens war so in sich geschlossen, so unnachgiebig und gerade-zu hartnäckig in ihrem Wesen, dass ich schon bald auf eine endlos anmutende Reise durch all die Höhen und Tiefen, die Schlingen und Biegungen, geschickt wurde, die mich mit jedem erneuten Beginn weiter in das mystische Labyrinth des Knotens zog. Schon bald wurden die einzelnen Fasern sichtbar, die kleinen Adern, die sich im Fluss des Knotens eng umeinander wanden und so für sich wiederum Hunderte von neuen Knoten bildeten.

 

Nur zögerlich suchten meine zitternden Finger jetzt den Knoten und schon bei der ersten leichten Berührung bemerkte ich eine seltsame Angst in mir aufsteigen. Es war nicht die übliche, quälende und lähmende Angst, die sich da in mir auftat, sondern mehr eine Angst vor dem Ungewissen, dem was sich gleich vor mir auftun und mich für immer mit sich ziehen konnte. Je länger ich den Knoten befühlte, streichelte und betastete, umso mehr konnte ich sehen, wie sich das Tor in diese Welt öffnete, diese keltische Welt der Zauberer und Feen, die sich dort hinter dem Knoten zu verbergen schien. Ganz langsam folgte ich mit meinen Fingern den Wegen des Knotens und fand mich bald in einem dichten Nebel wieder, der nur schwer die Umrisse einer Landschaft erkennen lies, die mir ungewohnt vertraut erschien. Meine Finger verhafteten noch immer auf dem Knoten, der sich nun langsam in sich auflöste und die Form meiner Finger annahm, die sich vorsichtig an den Nebel herantasteten, der sich wie eine weiße Wand vor mich stellte. Unter mir spürte ich nun eine Bewegung, ein leichtes Schaukeln und ich konnte mit einiger Anstrengung auch das beruhigende Geräusch der Wellen hören, die gegen mich schlugen und sich langsam wieder entfernten.

 

Vorsichtig ließ ich jetzt meine Arme aus dem Nebel nach unten gleiten und spürte die Wärme eines Gegenstandes, konnte unter mir etwas Festes, etwas tatsächlich Vorhandenes spüren.

 

Ich saß in einem Boot. Der Geruch des nassen Holzes war deutlich zu riechen und vermischte sich mit der Kälte des undurchdringlichen Nebels, der über allem hing. Das Wasser um mich herum war still und die Wellen, die am Rande des Bootes entlangzogen, spiegelten nur leicht die Umrisse des Lichts wieder, das sich allmählich durch den Nebel drängte. Die gleichmäßig dunkle Oberfläche des Wasser deutete an, dass ich mich irgendwo auf einem See befand. Neben mir sah ich nun auch die Ruder, die nur lose in den Riemen hingen und von den Wellen in gleichmäßigem Rhythmus bewegt wurden. Wie tote Arme durchschnitten die Ruder das schwarze Wasser und forderten mich mit stillen Worten dazu auf, das Geschehen nun doch selbst in die Hand zu nehmen. So sehr mir dieser Gedanke auch kurz verständlich wurde, so sehr war ich mit mir selbst beschäftigt, mit dem Nebel und dem Knoten, dessen Fasern sich in dem Bild aufgelöst hatten, das nun so mächtig vor mir stand. Die tiefe Stille, die diesen seltsamen Ort umgab, war so bedrückend und beruhigend, dass meine Gedanken sich tief in mir versteckten und ich nur noch an mich selbst denken konnte. So musste ich wohl für mehrere Stunden auf dem See getrieben sein ohne mich zu bewegen und ohne ein Ziel anzusteuern.

 

Nun, da ich meine Gedanken wieder auf das Geschehen um mich herum lenkte, also wieder auf dem See war und versuchte, irgendetwas in dem dichten Nebel zu erkennen, einen Umriss oder eine Gestalt, fiel mir auf, dass sich ein Teil der Landschaft vom Nebel befreite, sichtbar wurde und sich durch seine noch immer dunklen Formen zu erkennen gab. Da waren Berge und dichter Wald, Flüsse und Anhöhen zu sehen und ich vermutete, dass sich ein tiefes Grün über alles legen würde, sobald die Sonne den Weg durch diesen seltsamen Nebel fand. Mehr jedoch fand ein dunkler Punkt meine Aufmerksam-keit, der bei genauerem Hinsehen immer größer wurde und auf mich zukam. Schon bald konnte ich die Umrisse genauer sehen und erkannte, dass es ein Tor war, eine Türe, die jedoch ohne jedes Mauerwerk in der Luft schwebte. Die beiden Seitenflügel waren fest verschlossen und die roten Holzplanken spiegelten sich nun in den Wellen vor dem Boot. Das Tor kam unaufhaltsam näher und obwohl ich alles um das Tor herum absuchte, konnte ich keine Mauer oder irgendein Gebäude finden, zu dem das Tor gehören konnte. Die langsame Bewegung des Tors wurde durch ein unklares und dunkles Geräusch begleitet, das wie ein tiefes Brummen klang und sich fast wie die Stimme eines alten Mannes anhörte, der sich selbst von etwas zu überzeugen versuchte. Das Tor stand nun genau vor mir und schwebte bewegungslos über dem Wasser. Nichts war mehr zu hören, auch nicht die Stimme des alten Mannes.

 

Das Tor selbst war nicht besonders beeindruckend und zeigte sich eher schlicht in seiner Form, die am oberen Ende wie ein Bogen zusammenlief. Vielleicht war es gerade die Schlichtheit und das Fehlen der sonst üblichen Verzierungen, die ihm dennoch eine besondere Ausstrahlung gaben oder vielleicht war es auch nur die intensiv rote Farbe seines Holzes und die eher mächtigen Beschläge, die das Tor in seinen Angeln hielten. Ich wurde beim Anblick des Tores zunehmend andächtig, bewegte mich kaum und streifte mit meinem Blick über jedes Detail, das ich finden konnte. Da war zunächst die Maserung des Holzes, die durch die stark aufgetragene rote Farbe nur noch schwer zu erkennen war. Bei genauerem Hinsehen konnte ich jedoch erkennen, dass sich die einzelnen Fasern des Holzes nicht wie sonst in eine Richtung zogen, sondern sich wie zuvor bei dem Knoten in sich wanden und eine endlose Linie bildeten, die sich über die gesamte Fläche des Holzes zog. Auch fiel mir auf, dass es kein Schloss gab, kein Schlüsselloch und auch sonst keinen Riegel, der mich daran gehindert hätte, die beiden Flügel ganz einfach aufzudrücken. Danach war mir in diesem Moment aber ohnehin nicht zumute, da mich das Tor allein schon durch seine bloße Existenz lähmte und dabei so beeindruckte, dass mir jede unüberlegte Handlung in diesem Moment als dumm und verwegen vorkam. Zudem gab es da an jedem Flügel ein Zeichen, das dort in Form eines Kreises etwa in der Mitte angebracht war. Diese Kreise waren eher wie Halbkugeln, die man als Beschlag dort befestigt hatte und in denen sich nun das aufkommende Licht des Tages spiegelte.

 

Auf der linken Seite konnte ich ganz deutlich ein Pentagramm sehen, das sich vom äußeren Rand über zwei Kreise über die gesamte Fläche der Halbkugel erstreckte. Die Spitzen des Pentagramms waren jeweils mit einem metallenen Dreieck überzogen, das auf der ansonsten weißlichen Oberfläche des Pentagramms angebracht war. Hinter dem Pentagramm waren zwei Kreise zu sehen, die in sich außerordentlich schöne Verzierungen trugen und in allen möglichen blauen, grünen und silbernen Schattierungen glänzten. War hier Magie im Spiel oder was sollte dieses Zeichen, das über die Jahrhunderte so oft im Zusammenhang mit Hexen und schwarzen Künsten verwendet wurde, bedeuten? Doch der leidige Drudenfuß konnte sich hier nicht zu erkennen geben, da nur eine Spitze des Pentagramms nach oben zeigte. Doch waren Feuer, Wasser, Erde, Luft und Äther hier gemeint, die tragenden Elemente also, die auch in der Alchemie und der Hexerei ihre Verwendung gefunden hatten. Da ich keine sinnvolle Antwort auf die Frage fand, welchen Zweck dieses Zeichen auf einer roten Türe, die zudem noch freischwebend über dem See hing, haben sollte, wandte ich mich dem anderen Zeichen auf der rechten Seite zu. Dieses Zeichen bestand aus zwei äußeren Ringen und einem Kreis, auf dem drei mit sich verbundene Spiralen dargestellt waren, die wiederum durch ein dichtes und kompliziertes Geflecht umgeben waren, das dem Knoten sehr ähnlich sah, der mich zuvor erst in diese Situation brachte. Die äußeren Kreise waren wiederum von sechs Dreiecken durchbrochen, deren Spitzen allesamt ins Zentrum des inneren Kreises zeigten. Wie zuvor glänzten auch die äußeren Ringe wieder in blauen, grünen und silbernen Tönen, wobei die Spiralen des inneren Kreises in einem erdigen Braunton gehalten waren. Diese drei Spiralen standen für die eigentlich weiblichen Kräfte von der Jungfrau über die Mutter bis zur alten Frau. Mehr wollte mir jedoch weder dieses noch das andere Zeichen sagen.

 

Ich haderte mehr als einmal mit mir, streckte meine Hand nach dem Tor aus und zog sie schnell wieder zurück. Sollte ich das Tor öffnen? Sicher war es ein Risiko, ein Wagnis, denn ich hatte nicht einmal eine Ahnung, was sich hinter diesem roten Tor verbarg, was sich vor mir auftun würde, sobald ich die Türe geöffnet hatte und vor allem bereitete es mir ausgesprochen Sorge, dass ich nicht wusste, ob ich das Tor wieder verschließen konnte, wenn ich es einmal geöffnet hatte. Andererseits war ich nun in diesem Boot, das sich still vor dem schwebenden Tor auf dem See befand. Die Uhren waren stehen geblieben, nichts bewegte sich mehr und die letzten Sekunden schienen in sich selbst zu fließen. Meine Zeit war um, ich hatte es vollbracht und wartete nur noch auf den Moment, an dem sich die Zeit selbst vollenden würde.

 

Ich musste dieses Tor aufstoßen oder hier für immer in diesem hölzernen Kahn sitzen, regungslos und tot auf einem See herumtreiben ohne jemals wieder das Leben in mir zu spüren. Wenn es schon das Ende sein sollte, dann konnte auch dieses Tor nichts mehr daran ändern und im Grunde konnte ja nur etwas Gutes dabei herauskommen, denn für immer auf dem See herumzutreiben, erschien mir kaum erstrebenswerter als die Hölle zu durchwandern. Langsam streckte ich nun erneut meinen Arm aus, um das Tor zu öffnen, als mich die Stimme des alten Mannes erneut erreichte und mich trotz ihres ruhigen Tons in tiefe Unruhe versetzte.

 

„Du solltest es dir gut überlegen, ob du diesen nächsten Schritt tatsächlich unternehmen willst, um in eine Welt einzutreten, die nicht die deine ist. Dabei ist der nächste Schritt, um durch diese unscheinbare Türe zu treten, der kleinste Aufwand den du zu betreiben hast und es mag dir gerade jetzt so erscheinen, dass es sich ja nur um einen Schritt von vielen handelt, ein Schritt also, wie du ihn in deinem bisherigen Leben schon so oft getan hast. Und dennoch sei dir ans Herz gelegt, dass du dir diesen Schritt, so klein er auch erscheinen mag, gut überlegst und dir vor allem die möglichen Folgen vor Augen hältst. Diese sind nämlich durchaus in der Lage, dir die Ruhe deiner Seele für immer zu nehmen, dich in den Abgrund des Zweifels und der Dunkelheit zu stürzen, ein Abgrund, der schon so vielen das Leben gekostet hat. Dies ist nicht deine Welt in die du jetzt eintreten wirst, noch ist es eine Welt, in der du dich selbst in der vertrauten Form wiederfinden wirst. Mit diesem kleinen Schritt trittst du in meine Welt und damit in dich selbst ein.“

 

Ich verharrte mit dem Blick auf dem Tor und wunderte mich woher diese ruhige Stimme herkam. Ich konnte den alten Mann oder wer immer er auch war, nicht sehen, noch konnte ich aus der Stimme erkennen, aus welcher Richtung diese kam und ob es sich wirklich um einen alten Mann oder eine alte Frau handelte. So sehr ich mich auch bemühte, so wenig konnte ich mit den Worten des alten Mannes anfangen und mein Gesicht musste diese Unwissen-heit wohl hinreichend widergespiegelt haben.

 

„Du zögerst also. Ich gestehe natürlich gerne zu, dass diese Worte nicht gerade ermutigend und auch nicht besonders einladend wirken und wahrscheinlich empfindest du sie auch nicht so, da meine Worte, wie gut sie auch gemeint sein mögen, dich doch letztlich davon abhalten könnten, dich auf dieses Abenteuer einzulassen, dessen Ausgang sich zudem mehr als ungewiss, wenn nicht sogar unvorhersehbar, herausstellen könnte. Doch gebe ich dir auch zu bedenken, dass alles, was du sehen und erfahren wirst, für dich nur dann von Bedeutung sein kann, wenn die Natur der Erscheinung als solche erhalten bleibt und sich das Wesen der Dinge nicht mit dem Wunsch vermischt, sich nicht selbst befremdet und letztlich gar dazu benutzt wird, eine Realität ins Leben zu rufen, die einem anderen Zwecke dient als dem, dir selbst genug zu sein. Die Wahr-heit, die du suchst, kommt zu dir und wird nicht geschaffen, denn sie ist und bedarf daher nicht deiner Meinung. Wir alle sehen nur im Dunkeln, denn die Nacht erzeugt das Licht, wir hören nur in der Stille, denn die Ruhe erzeugt das Wort und wir fühlen, doch wir berühren dabei nichts. So frag mich nun auch nicht nach Namen und Begriffen, denn die Existenz geht in sich selbst auf und bedarf deiner Deutung nicht.“

 

Ich wagte nicht mich zu bewegen oder gar nach Erklärungen zu fragen, obwohl mir in diesem Moment sicherlich Hunderte von Fragen in den Sinn gekommen wären. Jegliche unüberlegte Reaktion erschien mir deshalb nicht nur unpassend, sondern in besonderem Maße gefährlich, denn, obwohl ich die Stimme des alten Mannes hörte, konnte ich sie noch immer keinem Gesicht oder einer Gestalt zuordnen, ich wusste nicht, wer genau da zu mir sprach und wie ich dieser Stimme vertrauen sollte, wenn ich ihre eigentliche Existenz, ihren Ursprung nicht sehen oder doch zumindest spüren konnte.

 

„Ich verstehe deine Zweifel, denn nichts ist dem Menschen so suspekt wie seine eigene Existenz. Jede Antwort ist jedoch mit der ihr zugrunde liegenden Frage unwiderruflich verbunden, kann nicht ohne diese bestehen und wird völlig inhaltslos, sobald die Frage ihr Wesen und ihr Ziel verändert. So sollte die Frage das eigentliche Ziel der Suche sein, mehr noch als der Wunsch nach der Antwort, denn der Wunsch lässt jede Suche zu einem Wettspiel werden, dessen Antworten die Anstrengungen nicht zu rechtfertigen vermögen. Und doch sucht der Mensch nur nach Dingen, die er kennt, die ihm logisch und vertraut erscheinen, nach Dingen also, die er letztlich für möglich hält und doch dabei vergisst, dass seine Überzeugung, so ernsthaft sie auch sein möge, im Hinblick auf die wahre Existenz sogar hinderlich ist, denn das Existente bedarf zu seiner Existenz auch unseres Glaubens nicht.“

 

Die Worte des alten Mannes verstummten und wurden lautlos von den Wellen an das ferne Ufer getragen. Nichts, absolut nichts war nun noch zu hören und die Wärme des Augenblicks verwandelte sich in tiefe Andacht, bewegungslos und stumm. Meine Gedanken suchten ihren Weg durch diese Kathedrale des Schweigens, irrten durch dunkle Gänge und Räume und fanden darin keinen Halt, keinen Zuspruch in ihrer Verzweiflung. Sie hatten nun endgültig ihre Bedeutung verloren. So wandte ich auch meinen Blick von der Türe ab, denn auch sie war nun nicht mehr wichtig. Es gab keine Zeit mehr, es hatte sie nie gegeben.

 

Ganz langsam lehnte ich mich zur Seite, stützte meinen Arm am Rande des Bootes ab und sah in die Tiefe des Wassers. Ich hatte aufgehört zu sein, war ein Teil der Veränderung geworden, war selbst Wasser und Luft. Mein Blick zog über das gleißende Licht, das sich auf dem See spiegelte, tauchte in die Wellen und verschwand schließlich in den Tiefen des Wassers. Ich hatte mich befreit, mich losgelöst und den Fischen geschenkt, die nun über mir ihre Kreise zogen. Dort am Grunde des Sees sah ich ein altes Stück Holz und ich verstand sofort, dass es viel zu lange schon in den engen Kanälen der Städte getrieben war, bevor es seine Ruhe hier im See gefunden hatte. Für viele Jahre war das Holz gefangen gewesen und begnügte sich mit den gelegentlichen Wellen, die durch die Kanäle zogen. Draußen im Fluss wäre es sicherlich weiter getrieben worden, hätte ein Ufer wie dieses hier gefunden oder wäre an andere Plätze gespült worden. Das Holz erzählte von seinen Träumen und er-innerte sich an die Zeit, als es noch ein Baum war, wilde Triebe gebar und seine Blätter nach der Sonne ausstreckte. Diese Zeiten waren schon lange vorbei und seine Gedanken glichen sich bald den gleichmäßigen Bewegungen der Wellen an. Allein die in ihm schlafende Seele spendete dem Holz noch die nötige Kraft, doch auch dieser Teil schien langsam zu verstummen. Das Holz erkannte, dass es im Sterben lag.

 

Ich ließ das Holz am Grunde des Sees zurück und machte mich auf meinen Rückweg. Ich hatte plötzlich eine tiefe Sehnsucht nach mir, ein Verlangen nach all den Fehlbarkeiten und Sorgen, nach meinen Gedanken und vor allem nach meinen Sehnsüchten. Nun fiel hier der erste Schnee über die Palmen und Pinien. Ich war am Grunde des Sees, geborgen in der Dunkelheit der Tiefe und sah dem Licht und der Welt entgegen, die sich von der anderen Seite in den Wellen spiegelte. Der dichte Nebel überzog noch immer die grünen Hügel und Schlösser am Rande des Sees und nur die Elefanten schienen von all dem nichts bemerkt zu haben. Ich sah mich um und konnte den Schatten des Bootes nicht mehr sehen. Aufgeregt drehte ich mich nach allen Seiten um, doch nichts war an der Oberfläche mehr zu sehen. Statt dessen bemerkte ich Schatten, die sich wie Schlangen aus der Tiefe nach oben bewegten. Es waren die Umrisse menschlicher Körper, die da ihren Weg nach oben suchten. So viele Körper waren nun um mich herum, dass ich aufgeregt und neugierig wurde, wohin diese Körper zogen, ob sie sich an der Oberfläche trafen und ich auf diese Weise mehr über diese mir noch immer unheimliche Welt erfahren könnte. Ich musste ihnen folgen und so stieß ich mich leicht vom Boden ab und glitt langsam nach oben. Nach einiger Zeit bemerkte ich jedoch, dass das Licht nicht heller, sondern zunehmend dunkler wurde und je mehr ich mich an die Oberfläche heranarbeitete, umso dunkler wurde es um mich herum. Schließlich war kein Licht mehr zu sehen und ich war mit mir allein, einsam, verlassen und doch in diesem Nichts geborgen und zuhause.

 

Ich sitze nun fast bewegungslos und vergessen in meinem Stuhl vor dem geschlossenen Fenster meines Zimmers, welches inzwischen zum Mittelpunkt meines Lebens geworden ist. Ich liebe Fenster, denn sie erlauben mir, die Welt in aller Ruhe und auf meine Weise zu beobachten und zu studieren. Ich bin hier sicher und muss mich nicht sorgen, denn Fenster geben mir die Möglich-keit von einer sicheren Position aus Anteil zu nehmen und zu betrachten ohne selbst ein Teil des Ganzen zu werden. Dies macht mein Fenster so attraktiv und schon lange habe ich mich an die ausgewaschenen Holzrahmen und den grauen Schleier gewöhnt, der die billigen Scheiben mit so viel Staub überzieht. Die heiße tropische Sonne und der alljährliche Monsun haben ihre Spuren auf dem weichen Holz hinterlassen, sie haben tiefe Fugen und scharfe Risse in das Holz gefressen und die Fensterrahmen derart verzogen, dass der gelegentlich sehr heftige Wind das Regenwasser ganz ungestört in mein Zimmer zu treiben scheint. Nichts kann die stille Gewalt der Natur aufhalten. Wir sind ihr ausgeliefert, aber die Natur ist ehrlich, sie lügt nicht und macht sich nicht einmal die Mühe uns zu täuschen. Die Natur spricht mit eindeutigen Worten zu uns und verlangt nur, dass wir zuhören und versuchen zu verstehen. Wie unglaub-lich schwer dies doch für uns im Laufe der Zeit geworden ist. Die Einfachheit ist uns zum Feind geworden, hat sich endgültig aus unseren Gedanken geschlichen und ist dem Wahn zum Opfer gefallen. Die Antworten sind längst gefunden, doch die Fragen sind nicht verstummt. Wir werden auch weiterhin fragen und fragen, nur um unsere tiefe Isolation, Hilflosigkeit und Einsamkeit erträglich zu machen. Doch der nächste Morgen ist oft weiter entfernt als gedacht. Dies sind die schlimmsten Stunden, denn die Dämonen der Nacht zerstören woran wir letztlich glauben, nehmen den Schleier von der Überzeugung und führen uns zurück auf den Weg, der uns schon immer zugewiesen war. Ich habe diesen Weg in meinen dunklen Stunden oft gesehen und auch ich war nicht in der Lage, die Antwort auf meine Fragen zu akzeptieren, mich mit der Unwesentlichkeit meiner Existenz abzufinden. In diesen Stunden finde ich mich immer wieder vor dem Fenster, trage meine Zweifel in die Ferne und sehe zu, wie sich das Bild der Häuser, Straßen und Palmen auflöst, ver-schwindet und dann allmählich durch Bilder ersetzt wird, die eine andere Welt zeigen, eine Welt, die für mich gemacht wurde, die mich aufnimmt und mich erfüllt, mir Sinn und Wichtigkeit gibt ohne mir meine Freiheit zu nehmen. Ich lebe in dieser anderen Welt, die für mich so real geworden ist, dass ich sie mit der Welt nicht eintauschen wollte, die sich vor meinem Fenster zeigt. Auch wenn mich die Dinge vor dem Fenster gelegentlich sehr interessieren, so kann ich mich doch an keine Zeit erinnern, zu der ich meine Welt hätte aufgeben wollen, um mich zu verbinden oder gar ein Teil zu werden. Meine Seite des Fensters bin ich und nur hier finden sich all die Abenteuer, die ich jeden Tag durchlebe und die mich unsterblich, ja vielleicht sogar wesentlich machen. Ich habe auch keine Geschichten zu erzählen, ich bin nicht Geschichte geworden, aber ich habe meine Träume in denen ich ewig leben werde, denn die Antwort liegt nicht vor dem Fenster.

 

Das Dienstmädchen scheint sich keine Gedanken zu machen. Jedenfalls kann ich dies von meiner Seite aus nicht erkennen und auch ihr Verhalten lässt nicht darauf schließen, dass sie sich mit etwas anderem beschäftigt als mit ihrer Arbeit, ihrem gewohnten Tagesablauf, der sie doch von früh morgens bis in die späte Nacht vereinnahmt. Welchen Sinn sollte es auch haben, anderen Leuten die Wäsche zu waschen, zu putzen, wo man selbst nicht leben darf und immer von den Anweisungen der großzügigen Hausherren abhängig zu sein. Welche Träume und Hoffnungen muss dieses Mädchen haben, um die Träg-heit ihrer einfachen Existenz zu vergessen, die Ziellosigkeit zu überwinden und die Kraft zu haben, jeden Tag wieder aufs Neue zu leben. Die Hoffnungen müssen klein und unwesentlich sein, sie müssen sich nahtlos und harmonisch an die Gesellschaft anpassen, die ihr einen festen Platz zugeordnet hat, einen Platz, den sie auch bei harter Arbeit kaum jemals verlassen wird. Ist sie damit zufrieden? Hat sie sich jemals gefragt, was bei all dem für sie vorgesehen ist? Da kämpft sie tagein und tagaus mit den kleinen Sorgen und Nöten und hofft, dass sich das Göttliche irgendwann auf ihre Seite schlägt, sie mit aller Kraft unterstützt und die Schmerzen ihres Daseins lindert. Vergebens, wie es scheint, denn das Göttliche hat sich noch nie um uns gekümmert. Wir sind uns selbst überlassen und daran kann auch die Existenz des Göttlichen nichts ändern.

 

Das Dienstmädchen ist noch immer mit der Schmutzwäsche ihrer Herrschaft beschäftigt, läuft von einem Eingang in den anderen und zu meinem Erstaunen trägt sie bei alledem ein inniges Lächeln auf den Lippen, strahlt Zuversicht und eine mir unbekannte Einfachheit aus, die mich mit Interesse trifft, mich zu sich zieht und gleichzeitig mit Traurigkeit erfüllt. Sie kann mich nicht sehen, da ich mich wie immer geschickt hinter dem Vorhang versteckt halte. Ich bin darauf bedacht, dass man mich nicht sieht, nicht bemerkt, dass ich bemerke. Nur so lassen sich die Dinge in ihrer ursprünglichen Art sehen, denn schon die bloße Anwesenheit eines Beobachters verändert alles was die Menschen tun, beeinflusst ihr Denken und zeigt nur noch ein Bild, das mit den eigentlichen Vorgängen nichts mehr zu tun hat. Es ist ein Spiel, das sich jeden Tag entfaltet und oft kann ich auch mit größten Bemühungen nicht unter-scheiden, welche Gefühle, Sympathien und Zuneigungen mir gelten und welche nur gespielt werden, nur dem Zwecke dienen, im Mittelpunkt zu stehen, sich zu vergrößern, um das eigene Ich zu vertuschen. Wie verwundbar wir doch sind, wie groß doch die Abhängigkeit von Dingen geworden ist, die nicht von uns und nicht für uns geschaffen wurden. Wir streben nach Dingen, die uns nicht dienen, Dingen, die uns in ein System ziehen, das uns so dringend benötigt und doch nicht gewillt ist, uns auch nur den Hauch von Respekt zu gewähren. Vor Tagen hat mich dieses Dienstmädchen auf der Straße direkt vor meinem Haus angelacht und ein Gefühl in mir hervorgebracht, dessen ich mich nur vage erinnerte und dem ich noch heute nachhänge. Es mag vielleicht an ihren Haaren gelegen haben, die an diesem Tage nicht wie gewöhnlich zu einem Zopf gebunden waren. Sie trug ihr Haar offen und konnte so ihre Anmut und Schönheit ganz zur Geltung bringen. Ich hatte sie zuvor nie als schön empfunden und war nun doch sehr erstaunt, wie sehr sich das Bild geändert hatte. Vielleicht war es auch eine Täuschung. Sicher bin ich mir jedoch nicht, obwohl sie eigentlich keinen Grund haben sollte, gerade mir etwas vorzuspielen. Das Lächeln hat mich überrascht, da es in diesem Lande nicht üblich ist, die bestehenden Grenzen einfach zu missachten, zu lächeln, um sich zu öffnen und nicht, um sich zu unterwerfen, Mitleid und Nachsicht zu erbitten. Was immer es auch war, was dieses Mädchen zu diesem Lächeln getrieben haben könnte, es hat mir spürbar gut getan, mich erwärmt und mir wider Erwarten ein warmes Gefühl der Hoffnung gegeben.

 

Es ist nicht leicht, die Menschen dieses Landes zu verstehen und selbst heute kann ich noch immer nicht unterscheiden, wann sie leiden und wann sie glück-lich sind. Das Lachen hat hier Tradition und für uns Fremde ist es oft nicht mehr wert als eine Erscheinung, ein Kleid, welches das eigentlich Menschliche hinter dieser Fassade zu verstecken versucht, Eindrücke schafft, die nicht vorhanden sind und eine brüchige Harmonie aufbaut, die vor Angriffen schützen soll. Der Rückzug auf das Lächeln, die bewusste Erniedrigung und das Bitten um Nachsicht, wurde mir anfangs nur als Schwäche bewusst. Eine Schwäche, die ich all die Jahre zu vermeiden suchte und die mir so verabscheuenswürdig erschien, dass ich später damit begann, diese Menschen selbst zu verachten. Und dann waren da die Tage und oft sogar nur Augenblicke, in denen ich ernsthafte Zweifel an dieser Einstellung entwickelte, mitunter sogar Bewunderung und dann Neid, da ich über solche Fähigkeiten nicht verfüge und wohl nie verfügen werde. Immer wieder versuche ich zu verstehen, warum sich diese Menschen selbst erniedrigen, sich ihrem Platz und ihrer Stellung in der Gesellschaft bewusst ergeben und in eine Hülle einspinnen, die ihnen Immunität verspricht, einen Pakt vorschlägt und mitunter wohl für den ersehnten inneren Frieden sorgt, den wir alle so sehr benötigen. Vielleicht ist es auch gerade das Gefühl der Unterordnung, die Aufgabe des eigenen Selbstwertes oder auch die Unantastbarkeit der eigenen Kapitulation, die mich so nachdenk-lich stimmen. Ich habe Selbstaufgabe und Unterordnung immer als Feinde verstanden, die das in uns zerstören, was uns am heiligsten sein sollte. Für mich war es immer wichtig, die gesellschaftlichen Hürden zu überwinden, mir und anderen zu beweisen, dass ich es schaffen kann. Aber hier scheint alles anders zu sein.

 

Vielleicht liegt es an der tropischen Hitze, dass die Kräfte schneller schwinden und die Tage sich nur mühsam durch die Zeit drängen. Vielleicht ist es auch die permanente Einsamkeit, die mich in diesem Lande umgibt. Ja, wenn die Gründe ihren eigentlichen Sinn verlieren und die aufkommende Dunkelheit die Erinnerungen verschlingt, wenn die Kraft nicht mehr zur Verfügung steht, um mit den Vorgängen eines absolut normalen Tages fertig zu werden, wenn die Tränen sich in die Augen drängen und der einzige Ausweg sind, um die Last von der eigenen Seele zu nehmen, dann nämlich, wenn wir den eigentlichen menschlichen Geist erreichen, die Realität der Verzweiflung und der Wahrheit, dann zeigt sich die Schwäche, die immer in uns ist und uns so göttlich macht. Man hat die Schwäche aus unserem Leben verbannt und uns das einzige Ge-fühl genommen, das uns erkennen lässt, wer wir sind, immer gewesen sind und immer sein werden. Nein, Schwäche gehört den Schwachen und unsere Vorstellungen lassen es nicht zu, dass Erfolg in der Schwäche reift. Beides ist nicht vorstellbar, denn es würde alles in uns zerstören. Selbst wenn wir uns gelegentlich heimlich der Schwäche ergeben, um menschlicher, liebenswerter und letzt-lich unantastbar zu werden, würden wir uns dies nie zugestehen, da Schwäche absurd und vor allem dann erniedrigend ist, wenn sie für andere erkennbar wird. Hier ist alles anders und meine so sicher geglaubten Wahrheiten gelten nicht mehr. Ich denke darüber nach, ob es tatsächlich andere Wahrheiten gibt. Ich beneide dieses Mädchen hinter der Mauer, wie sie sich in ihrer Situation mit Würde umgibt, sich selbstsicher und bewusst dem Schicksal ergibt, das ihr zugeschrieben wurde. Ich weiß, dass dieses Mädchen mich nur allzu leicht mit ihrer Demut erniedrigen könnte, würde sie diese nur gegen mich richten. Sie würde mich verletzen. Sie würde meine Sicherheit zerstören und mich mit meiner Arroganz allein lassen, denn ich bin keineswegs imstande mein Leben so zu leben, wie es ist. Es ist ein Kampf ohne Gewalt. Das tägliche Überleben der Schwachen findet zwischen den Zeilen statt, ist von demütigem Lächeln getragen und ist doch stärker als all die Arroganz und Überheblichkeit, die sich den vermeintlich Schwachen entgegenstellt. Sie fühlt sich wohl keineswegs ge-demütigt. Warum also empfinde ich dieses Verhalten demütigend und erniedrigend? Warum verunsichert mich diese Darstellung von Unterwürfigkeit?

 

Jetzt, da die drückende Hitze des Tages unerträglich wird und selbst das Atmen schwer fällt, fliehen meine Gedanken und schweifen durch die von kühlem Wind durchzogenen Pinien der Toskana, ziehen am Ufer des Arno entlang und nisten sich tief in der mediterranen Landschaft ein. Ich atme den betörenden Geruch der Olivenhaine in Kalabrien und strecke mich auf den Stiegen der Spanischen Treppe in Rom aus. Ich werde ein Italiener, schlendere über die Piazza Navona, kaufe frisches Gemüse und Käse auf dem Campo di Fiori, lasse mich mit Leonardo da Vinci über Kunst und Literatur aus und trinke heißen Espresso mit Niccolò Machiavelli. Ich sehne mich nach all den Dingen, die ich hier nicht habe und empfinde ein brennendes Gefühl von Heimweh. In diesen Stunden ist es oft fast unerträglich meinem Hiersein auch nur den geringsten Sinn abzugewinnen und ich frage mich, wo genau meine Heimat und mein eigentliches Zuhause sind. In all den Jahren hier in Asien habe ich nie vergessen, dass ich ein Deutscher bin und ich fühlte mich zu jeder Zeit den Werten und Traditionen meines Heimatlandes verpflichtet. Vielleicht sind mir Bedeutung und Sinn meiner Herkunft auch erst hier in der Fremde in einem Maße bewusst geworden, welches mir jetzt erlaubt abzuwägen, auszuwählen und letztlich das zu leben, was mir am sinnvollsten erscheint. In diesem Sinne habe ich mich sicherlich, wenn auch nicht immer nach freiem Willen, von vielen Zwängen und Gewohnheiten befreit und doch erzeugt die Abwesenheit ein Vakuum, eine eigenartige Entwurzelung meines Seelenlebens – mehr als ich es mir je hätte vorstellen können. Aber ich habe erkannt, dass sich die Seele immer dann zurückzieht, wenn sie keine ausreichende Übereinstimmung mehr in der Umwelt findet, wenn einfachste Fragen unbeantwortet bleiben und vermeintlich logische Handlungen nur noch zu Verwirrung und Konfrontation führen. Dann jedenfalls schwindet das Selbstbewusstsein und verwandelt sich in Sarkasmus und Ironie, Ablehnung und Aggression, und schließlich beginnen die Zeichen einer schleichenden Vereinsamung unsere Sinne zu übernehmen, eine traurige Transformation einzuleiten, die letztlich in einer schmerzlichen Entfremdung ihr Ende findet. Das Ergebnis ist eine Veränderung, die nur noch von außen zu erkennen ist, da ich selbst zu einer isolierten und objektiven Betrachtung kaum mehr fähig bin. In diesem Zustand der Ungebundenheit entsteht der Hang zur Verantwortungslosigkeit bis hin zur Abnabelung von sozialen und gesellschaftlichen Regeln. Es erscheint mir zu-nehmend klar, dass dieser Gefahr des Abgleitens in ein nahezu asoziales Leben nur mit klaren und vor allem verbindlichen Prinzipien und einem geregelten Tagesablauf sinnvoll begegnet werden kann, da meine eigenen Regeln nicht mehr anwendbar sind und die ansonsten üblichen religiösen und gesellschaftlichen Lösungen des Gastlandes fehlen, nicht verständlich sind oder von mir schlicht nicht hinreichend verinnerlicht werden.

 

Diese Spannung zwischen dem, was ich noch immer meine eigene Persönlich-keit, meine Erziehung und Kultur nenne und dem, was mich jeden Tag umgibt, herausfordert und bekämpft, bestimmt mein Handeln und mein Dasein. Es ist ein einsamer und stiller Kampf bei dem mein Verständnis um sein Überleben kämpft und damit auch mich selbst in Frage stellt. Vieles, woran ich früher fest geglaubt hatte, wurde inzwischen in Zweifel gezogen, Weltbilder haben sich verdreht, Standpunkte verändert und erprobte Lösungen haben sich als unverlässlich und fehlerhaft erwiesen. Selbst die Kraft der Sprache ist zum Hindernis geworden. Der partielle Verlust der Kommunikation hat über die Jahre zur Stärkung anderer Aspekte geführt, aber auch zum Verstummen dessen, was mich mit der Welt verbindet. Gesichtszüge, Blicke, Bewegungen haben die Rolle von Aussagen übernommen, kleine Gesten ersetzen zunehmend Erklärungen und das Schweigen wird zur aktiven Form der Kommunikation.

 

Es ist Nacht geworden und die Dunkelheit hat sich wie ein Schleier über die vorstädtische Gemeinde gelegt, in der ich mein Dasein seit einigen Jahren friste. Ich hatte mich für kurze Zeit nochmals der Arbeit gewidmet, mich be-müht, etwas Sinnvolles zu produzieren und die Fragen zu vergessen, deren Antworten mir schon so lange versagt geblieben waren. Die Nacht bricht hier schneller über das Land als in nördlichen Gegenden, die Dämmerung ist kurz und die Dunkelheit verdrängt gewaltsam den Tag, macht das Leben wieder erträglich, lässt die Hitze schwinden und beschenkt uns mitunter mit kühler Luft, die sich fast unbemerkt durch die Palmen drängt. Es ist die Zeit der Nacht, der Ruhe und des Abschieds. Der Gesang der Vögel ist verstummt und zahllose Moskitos erwachen zum Leben und laben sich an mir wie Vampire. Diesen Geschöpfen ist nur schwer beizukommen und letztlich ist ihnen der Sieg immer gewiss. Mein Blut bekommt letztlich einen Sinn.

 

Ich genieße diese Stunden. Es gibt nur mich und die Nacht, meine Welt und die Zufriedenheit mit dem, was ich noch in mir trage, die Erinnerungen und Gedanken an eine Zeit, die längst vorbei ist, nicht mehr einzuholen ist und doch immer in mir verweilt, mir die Kraft gibt und mich überleben lässt. Sie sind die stummen Zeugen der Vergangenheit, die Genossen auf meinem Wege, die einzigen lebenden Beweise, dass ich gelebt habe und nicht nur ein Geist gewesen bin. Ich kann verschwinden, durch meine Welt reisen und erleben statt nur zu leben. Ich blicke in die Palmen meines Gartens, die vom seichten Licht des Mondes getränkt werden und meine Gedanken entschwinden in eine andere Zeit, eine Zeit die ich selbst erlebt hatte und die ich nun wieder besitzen wollte. Eine Zeit in der ich gelitten habe und die mich dennoch mit Sehnsucht umgibt, mich in sich zieht und mir das Gefühl der Geborgenheit gibt. Eine Geborgenheit, die ich nur selten erfahren und erleben kann, eine Wärme, die mein Herz und meine Seele wie ein warmer Mantel umgibt, mich aufatmen lässt. Ich sehe Kirchtürme, mir noch bekannte Plätze und alte Häuser. Ich er-kenne Gesichter, Gesten und Klänge, die mir nicht fremd sind und schon fast wie eine Erlösung aus der Verbannung klingen. Ich bin wieder Teil geworden, nehme Anteil und darf meinen Teil erbringen, beitragen und wesentlich sein.

 

In Erwartung ereignisloser Stunden, nichtssagende Zeilen einer Zeitung lesend, versuchte ich verkrampft mit meinem Blick etwas länger an einem Punkt zu verweilen, mich für eine kurze Zeit trotz dieses herausfordernden, sich stetig bewegenden und verändernden Stromes von gut gelaunten, fröhlichen und ach so glücklichen Menschen auszuruhen und um für wenige Minuten in mich hinein zu leben. Ein nahezu sinnlos anmutendes Vorhaben in Anbetracht der schmerzenden Leere, die sich im Laufe der Tage in mir breit gemacht hatte. Auch hatte ich die so sicher geglaubte Perspektive nahezu tot gezweifelt, von allen Seiten so zerfragt bis sie schließlich als Abschreckung mir selbst gegen-überstand. In dem Versuch vorüberziehende Vorgänge zu erklären, Zusammenhänge zu beschreiben, ohne an deren Wichtigkeit letztlich zu glauben, überraschte mich ein lange verloren geglaubtes und schon fremd anmutendes Gefühl – eher noch eine innere Bewegtheit, ein nicht deutlich einzuordnendes Interesse an dieser neben mir stehenden Person. Es war mir plötzlich nicht mehr möglich wegzusehen oder gar wegzugehen, ich verspürte plötzlich das brennende Verlangen ihre Anwesenheit zu spüren, diesen Augenblick noch ein wenig festhalten zu dürfen. Unfähig meinem Empfinden Ausdruck zu geben, mich mitzuteilen, beschränkte sich der Dialog im Folgenden auf die bloße Feststellung ‘da zu sein’. Wie sollte ich auch all das ausdrücken, was mir ebenso fremd wie angenehm war, ohne mit banaler Aufdringlichkeit vor einem ohne-hin ungewissen Beginn alles abzutöten und in den Bereich der Unglaubwürdig-keit zu ziehen.

 

Plötzlich saß ich da, einen Zettel mit Name und Telefonnummer in der vorsichtig geschlossenen Hand, erinnerte mich daran, dass man schöne Augenblicke nicht endlos wiederholen und ausdehnen darf und wusste doch, dass ich sie wiedersehen musste und sei es nur, um mir eine Illusion zu nehmen.

 

In all dem aufgeregten Treiben fiel es nicht besonders auf, dass ich damit begonnen hatte mich durch die Menschen und den Raum hindurch in eine andere Wirklichkeit zu begeben. Es lag nicht daran, dass mich die Umtriebe der Narren störten. Das war mir eher gleichgültig. Oder vielleicht war es doch ein enttäuschtes Gefühl, weil die Narren nicht in der Lage waren, mich genau so in ihren Bann zu ziehen, wie all die anderen Leute um mich herum. Einmal im Jahr kommen die Menschen dieser Stadt aus ihren Häusern heraus und stellen sich der Welt in ungewohnt offener Weise. Einmal im Jahr sind all die Regeln vergessen und jeder darf für wenige Tage eine andere Person sein, in eine andere Haut schlüpfen oder sich völlig unkenntlich machen, verschwinden, um sich dann wie ein Phönix aus der Asche des Alltags wieder als Mensch zu erheben, als Mensch, der die starren Fesseln seiner Mittelmäßigkeit abstreift, die ihm zugewiesene Unwesentlichkeit und Belanglosigkeit für eine kurze Zeit vergessen darf, um sich mit Liebe und Zuneigung seinem Leben in einer Art zu widmen, die ihm ansonsten nicht erlaubt ist. Es darf jetzt gelacht werden, Sinnlosigkeit wird erstrebenswertes Ideal und treibende Kraft des Handelns und die Konturen der eigenen Persönlichkeit sind plötzlich nicht mehr peinlich, verletzend und unangenehm, sondern wert nach Außen getragen zu werden, sich im Lichte der Masse als die wahren Werte zu zeigen und Beweis anzutreten, dass unzählige Generationen vor uns nicht sinnlos vergeudet wurden und ohne Früchte geblieben sind. Je mehr dem einzelnen dies gelingt, um so mehr Beifall wird er ernten und desto beliebter wird seine vorgespielte Erscheinung sein. Eigentlich seltsam, dass bislang keinem dieser Narren aufgefallen war, dass er sich selbst spielte und die so mühsam aufgebaute Maskerade nichts anderes war als eine Facette des eigenen Wunschbildes. Vielleicht wird man gerade dann ein Narr genannt, wenn man meint anders sein zu müssen, um sich frei und glücklich zu fühlen. Vielleicht ist es aber auch nur die tiefe Angst des Menschen, dabei ertappt zu werden, dass er sich in seiner kläglichen Existenz ausreichend zufrieden fühlt oder gar versucht sich als einmalig zu begreifen und zu akzeptieren. Ich konnte sie nie ertragen, diese tollen Menschen, diese Blender und Heuchler und ich ertappte mich vor allem in einsamen Stunden immer wieder dabei, dass ich dazu neigte, die gesamte Menschheit zu hassen. Es war eine innere Abneigung, die mich in mich selbst trieb, mich tief im Inneren nach Auswegen suchen ließ und die mir den Schlaf raubte, den ich so dringend benötigte. Woher nahmen all diese leuchtenden Persönlichkeiten die Kraft, sich mit den Dingen des Lebens so zu arrangieren, um sogar im Rinnstein der Armut und des Elends noch ihre strahlenden Gesichter zu bewahren? Worin lag das Geheimnis der Erfolgreichen, die sich über alle Leiden dieser Welt hinwegsetzen konnten und ohne Selbstzweifel auf ihrem Weg verharrten? Hatten diese selbst ernannten Führer die Weisheit gefunden, die zur Erklärung aller Rätsel gesucht und bislang nie gefunden wurde?

 

Es war mir nach einiger Bemühung gelungen meine Rechnung zu begleichen und nun suchte ich meinen Weg durch die Menge der Maskierten und Ver-kleideten. Inzwischen war es mir auch gelungen wieder in meiner Welt zu sein und abgesehen von versehentlichen Berührungen fühlte nun auch ich mich wieder wohl. Ich dachte an die Ruhe, welche einen palmengesäumten goldenen Strand umgab und wie schön es sein musste in der heißen Sonne aufzuwachen ohne durch Worte und Menschen gestört zu werden. Gerade jetzt empfand ich die Kälte der Fasnachtszeit besonders hart und ich sehnte mich nach der Stille meiner kleinen Welt. Ich weigerte mich zunehmend das verstehen zu wollen, was unaufhörlich auf mich einzudringen versuchte. Ich saß inzwischen wieder in einer Ecke meines Zimmers und begann mit starrem, bewegungslosem Blick von den Zeiten zu träumen, an die ich mich nur sehr schwer zu erinnern ver-mochte. Was gab es da so Wichtiges, dass ich so verzweifelt danach auf der Suche war? Nichts war da und allein der stete Versuch, wie ein Blinder in der Dunkelheit nach unsichtbaren Gegenständen zu greifen, welche doch nur zu vermuten waren, nahm mir meine ganze Kraft. Warum wollte ich mich ständig an etwas erinnern? Jeder der heute etwas auf sich hält, weiß auch etwas zu berichten. Gute alte Zeiten, große Taten und unendlicher Ruhm. Aber wer etwas zu berichten hat, wer tote und längst gelebte Erlebnisse zum Besten geben kann, der bekommt schließlich den Beifall der stillen, immer zurückhaltend abwartenden Masse und hat so die Gelegenheit, sich zeitweilig auszuruhen, für wenige Minuten Luft zu holen, ohne das kalte Messer der Erwartungen zu spüren, ohne übergangen zu werden. Geschichten, Ereignisse und längst vergangene Erfolge in die Menge zu werfen ist auch der einfachste Weg bar jeder Anstrengung in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Ein interessantes Erlebnis oder wenigstens die Vorstellung von einer großen Tat sind durchaus ausreichend, um davon lange Jahre zu zehren. Es müsste so einfach sein, sich in die Ruhe zu begeben ohne sich dabei zu verkaufen. So einfach und doch mit der Aufgabe der Illusion verbunden.

 

Ich hatte niemanden, dem ich meine vergessenen Erinnerungen hätte erzählen können. Und doch saß ich nun da und stocherte in dieser trägen Maße herum, begann damit, mich mit anderen zu vergleichen und fand kein Licht, welches mich nach draußen hätte führen können. Sicher, die Musik aus dem Hintergrund versetzte mich in eine seltsame Stimmung, welche zwischen Angst und Zuversicht pendelte. Waren es die beinahe endlosen und so völlig unbekümmert durchlebten Nächte bei dröhnender Musik oder war es einfach der Wunsch nicht mehr da zu sein – gerade jetzt nicht leben zu wollen? Ich be-merkte, wie sich nun ein wohliges und warmes Gefühl in mir breit machte und eine zarte Welle meinen zusammengesunkenen Körper durchlief. Ich war im Begriff das Vergangene auszugraben, Vorgänge zu verbinden, obwohl sich all dies nur bruchstückhaft in meinen Kopf verirrte und sich, wie von selbst, zu fantastischen Bildern in einem harmonischen Ganzen verband, so dass sich selbst das Unerträgliche in seiner schönsten Form betrachten ließ. Ich weigerte mich es aufkeimen, von mir Besitz nehmen zu lassen. Ich begann an einer nie endenden Kette von Erinnerungen zu ziehen, verbrachte an manchen Stellen geraume Zeit, stellte Überlegungen an und begab mich immer schneller zurück, ohne zu bemerken, wie abwesend ich meine eigene Vergangenheit gleich einem Film an mir vorüberziehen ließ. Ich war auf der Suche nach einem Grund, der geeignet war, mich in dieser Nacht am Leben zu erhalten. Zu gut war mir diese Situation bekannt. Ein einsames Zimmer, Musik von toten Menschen und langsam verschwanden die Konturen im Nebel der gelähmten Sinne.

 

Tränen quollen aus meinen halb geschlossenen Augen und ich suchte nach Schutz in meinen eigenen Armen. Ich dachte an sie, an ihre leuchtenden und lebensfrohen Augen, ihr Lächeln, welches schon lange nicht mehr mir gegolten hatte und an die Wärme ihrer Hand, wenn sie mir Mut zusprach, ich dachte auch an das zufriedene Gefühl zu Hause erwartet zu werden. Mein Blick hob sich und blieb wie gewöhnlich an dem übergroßen, hölzernen Kreuz, welches ich neben meinem Bett aufgehängt hatte, stehen. An diesem Punkt angelangt empfand ich immer wieder eine plötzliche, tiefe Verbundenheit mit diesem Sinnbild menschlichen Leidens, mit diesem Stück Holz, auf das man eine Blechfigur genagelt hatte. Es erschien mir bislang eigentlich immer wesentlich sinnvoller, an mich selbst zu glauben und das war schon schwer genug. Aber in diesen Stunden war alles ganz anders, ich war bereit mich zu opfern, Qualen auf mich zu nehmen für dieses Kreuz, wenn es nur mit mir sprechen wollte. Ich fand keinen Sinn. Ich stand langsam auf, ging ins Badezimmer und blickte minutenlang in das Gesicht im Spiegel, in dem ich mich nur schwer erkennen konnte. Ohne mich zu waschen legte ich mich ins Bett, verfolgte noch die Schatten an der Zimmerdecke, die von dem schwachen Licht der Laterne auf der Straße in mein Zimmer geworfen wurden und bemerkte, dass ich aufgehört hatte nachzudenken. Irgendwann bin ich eingeschlafen.

 

Langsam, ganz langsam die Augen öffnen und dabei nichts verlieren, auf keinen Fall etwas weggeben und schon gar nicht die Wärme der Bettdecke – noch weniger die Träume. Ich drehte mich nochmals um, hörte den Vögeln zu – ich konnte es nicht, nein, ich fand den Anschluss nicht mehr. Es lag alles so weit entfernt von mir, kaum mehr sichtbar und doch wieder ein Stück klarer als zuvor. Hätte ich mir doch gestern nicht soviel vorgenommen, hätte ich mir nicht eingebildet, die Welt verändern zu müssen und das auch noch zu können. Aber in diesen Nächten kommen sie immer wieder unaufhaltsam, diese Illusionen. Der Selbstbetrug steht hilfreich zur Seite und morgens liegt man dann im Bett und versucht sich von den Sehnsüchten zu befreien. Ich stand langsam auf und sah aus dem Fenster, wobei ich schmerzlich feststellen musste, dass sich seit gestern nichts verändert hatte. Ich rieb mir den letzten Schlaf aus den Augen und nahm mir für den Tag vor, wieder einmal in die Universität zu gehen. Ob ich mich allerdings zu einer Vorlesung durchringen würde, wusste ich noch nicht, aber das war auch jetzt nicht wichtig.

 

Duschen, Zähneputzen – alles tropft in dieser Wohnung. Völlig abgewohnt. Wie Bahnhöfe sind diese Mietswohnungen, jeder hinterlässt hier das, was er nicht mitnehmen will, wenn er an einem anderen Ort wieder neu beginnt. Ich ließ mein Handtuch auf den Boden fallen und ging langsam zurück ins Zimmer, in dem noch alles so war wie ich es gestern hinterlassen hatte. Ich suchte meine Kleider zusammen. Da zog ich mich nun an, nur um mich am selben Abend wieder auszuziehen. Alte Socken liegen zwischen vollen Aschenbechern, leeren Bierflaschen und ich denke an dich – eine Rose inmitten von grauen Augen, die aus toten Mauern Blicke werfen. Gewohnte Handgriffe, alles war so wie am Tag zuvor. Morgens sind diese Tage doch alle gleich.

 

Beim Verlassen des Hauses bemerkte ich, dass es schon erstaunlich warm ge-worden war und ich dachte daran, wie ich früher an solchen Tagen mit meinen Freunden im Internat voller Tatendrang in den Speisesaal gestürzt war, um gleich nach dem Frühstück wieder einen Teil der Welt zu erforschen, die schon allein durch ihr Vorhandensein unbeschreiblich wesentlich und wichtig war. Gab es da doch so vieles, wovon wir zwar schon manches gehört hatten, selbst jedoch diese wunderbaren Dinge noch nicht durchleben konnten oder meist eben nicht durften. Ich dachte an all die raffinierten Tricks, die wir uns ein-fallen ließen, um Aufmerksamkeit bei den Mädchen zu erwecken, damit wir mit ihnen ins Gespräch kommen konnten. Wir alle träumten davon, einmal eines dieser so fremden Wesen zu berühren, das wohlige Gefühl des Verliebtseins zu spüren, zufrieden zu sein neben ihr stehen zu dürfen.

 

Ein freier Parkplatz unterbrach meine Erinnerungen. Ich parkte mein Auto in die kleine Lücke und machte mich auf den Weg zur Cafeteria in der neuen Aula. Nach vielen Jahren in einer doch relativ kleinen Stadt wie Tübingen ver-mag schon der bekannte Weg durch die Straßen und Gassen das Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Alles ist so vertraut, dass man bereit ist es in die eigene Person mit einzubeziehen. Einige Sonnenstrahlen und der Anblick der ehrwürdigen Universitätsgebäude gaben mir das Gefühl am Anfang eines interessanten Weges zu stehen und ich begann mir meine Zukunft in schillernden Farben auszumalen. Zwar war ich mir noch nicht so ganz sicher über die genauen Einzelheiten, jedoch musste es einfach gut werden. Die ganze Welt stand mir schließlich offen und man musste ja auch nur das Richtige daraus machen. Ich öffnete die alte und sichtlich abgenutzte Türe und sah das gewohnte Bild. Lange Schlangen standen vor der Theke der Cafeteria, viele saßen da und blickten mit verschlafenen Augen in eine Zeitung oder ver-suchten die neuesten Ideen auszutauschen. Ich hatte auf einmal Probleme mich wohl zu fühlen und dachte, dass es einen guten Eindruck hinterlässt sich intellektuell zu geben. Ich ging weiter in den Raum hinein und überlegte, ob ich nun meinem Hunger nachgeben oder wieder nach draußen gehen sollte. Ich blieb dort und stellte mich in die Reihe der Wartenden. Dazwischen standen immer einige ganz Beflissene, die von alledem nichts bemerkten und die nicht sehen wollten, wie mühevoll sich die Welt in diesen neuen Tag quälte. Warum dachte ich gerade jetzt wieder an sie? Der Wind blies durch ihr langes Haar und ich fing mir ein leichtes Lächeln ein. Wie oft hatte ich dieses Bild durchlebt, wie sehr fürchtete ich mich davor.

 

Diese Leute hinter der Theke haben so eine ekelhafte Art sich bemerkbar zu machen. Vielleicht ist das notwendig, um hier einen Tag durchzustehen. Ich bezahlte und ging an einen dieser runden Tische, die mit einem nicht zu übersehenden Film aus Putzmitteln, Wasser und Dreck überzogen waren. Darüber stapelte sich in eigenwilliger Architektur das Geschirr meiner Vorgänger, aber immer nur soweit, dass man die Klebefolie ‘Bitte räumen sie ihr Geschirr selbst auf’ gerade noch lesen konnte. Dich hatte ich hier noch nie gesehen. Dies war nicht deine Umgebung und eigentlich hatte auch ich hier nur solche gesehen, die ich mir nicht ausgesucht hätte. Es folgten kurze, belanglose Gespräche mit Leuten, die man eben so kennt. Hin und wieder ein schlecht gespieltes ‘Hallo’. Jeder hatte mit sich selbst zu tun und die Aufsteiger der Woche versuchten keine Minute zu vergeuden, um noch rechtzeitig ihre persönlichen Verbindungen auszubauen. Es wurde mir plötzlich klar, dass es besser war aufzustehen und nach hause zu fahren. Nach hause, dort wo alles tropft.

 

Ein kurzer Entschluss, doch nach Außen zu dringen, mich hinzugeben, mich gehen zu lassen, mich zu betrinken, ließ in mir am Abend, nachdem ich den Rest des Tages verschlafen hatte, den Entschluss reifen, doch noch in die Stadt zu gehen. Dieselbe Straße, bekannte Wege und dann ein Gefühl von Wärme und Furcht, von Geborgenheit und Ungewissem. Ich trat in den nicht gerade hell erleuchteten Raum. Inmitten von lauter Musik und viel Rauch saß dort Peter ganz allein an einem Tisch. Wie immer sah er suchend auf die verlebten Mauern und es schien als wäre er unbeteiligt und abwesend, als ginge ihn all dieser Lärm hier gar nichts an. Ich grüßte ihn kurz und er bemühte sich um ein geborgtes Lächeln, fand es schließlich auch und ich hatte endlich einmal wieder das Gefühl zur rechten Zeit gekommen zu sein. Ich sah ihn an und bemerkte, dass seine Augen eine traurige Verlorenheit ausstrahlten, als wollten sie die tief empfundene Einsamkeit verbergen, die ihn zu verzehren drohte. All dies machte Peter so liebenswürdig für mich, ja sogar vertraut und doch blieb er für mich ungreifbar und distanziert.

 

Peter arbeitete in einer Bücherei und hatte hiermit auch eine Beschäftigung gefunden, welche zu ihm passte. Zwischen all den Bücherregalen konnte er sich mit fremden Ideen beschäftigen und je nach Bedarf das eine oder andere auch für sich in Anspruch nehmen. Er hatte sehr viel Zeit für diese Dinge, da er seit Jahren schon keine Beziehung mehr zu einer Frau hatte und sich damit auch abgefunden hatte. Genaues wusste ich natürlich auch nicht, da er eigentlich nie über solche Dinge sprach und ich immer den Eindruck hatte, dass ein wichtiger Teil seiner Person irgendwann einmal verloren ging. Wir sprechen ein wenig über die Ereignisse seiner Arbeit. Da ich damit jedoch reichlich wenig anfangen konnte, wurde dies eine eher einseitige Unterhaltung. Ich ver-suchte so überzeugend wie möglich mein Interesse zu bekunden und hoffte, dass Peter meine wahren Gefühle nicht entdecken würde. Was soll man in solchen Situationen tun? Man ist selbst nicht ganz auf der Höhe, kämpft gegen den Schmerz und soll sich dann mit einer Schilderung der Ereignisse einer Bücherei identifizieren. Ich war von zu hause aufgebrochen, um etwas zu erleben und um ein wenig Spaß zu haben. Ich wollte mich unbekümmert in diese Nacht fallen lassen und betrunken wieder nach hause zurückkehren. Peter wollte das auch, nur waren seine Vorstellungen von einer guten Nacht ganz andere als meine. Dennoch konnte Peter erreichen, dass ich mich zunehmend besser fühlte. Vielleicht hatte ich meine schlechte Laune unbemerkt auf ihn abgelegt und die Schilderung seines Lebens hat mich wieder aufgebaut. Vielleicht ging es mir ja gar nicht so schlecht. Um das herauszufinden bedarf es wohl immer wieder des Elends anderer Menschen. Gemeinsam verließen wir die Kneipe und gingen dann zielstrebig aber wortlos nebeneinander her, um uns eine Umgebung zu suchen, welche für den heutigen Abend etwas Neues bringen würde. Ich fühlte mich verbunden mit diesem Mann, der gut zehn Jahre älter war als ich und den ich zwar nicht bewunderte, aber doch gern hatte, vielleicht gerade, weil er nicht viel redete, nicht über seine Probleme klagte und doch durch nicht hörbare Schreie seine Verzweiflung mitteilen konnte. Wir erreichten eine neue Kneipe, eine neue Umgebung und wieder saßen die altvertrauten Leute da und redeten mit ernsten Gesichtern über die Machbarkeit des Machbaren.

 

In den Gassen der Altstadt wurde man immer schnell fündig, wenn man wieder einmal auf der Suche nach dem berühmten theoretisch- intellektuellen Ansatz war. In endlosen Gesprächen wurde da erörtert wie Kindern am besten das Ballspiel zu vermitteln sei, ohne hierbei auf althergebrachte Methoden zu verweisen. Für einen Unkundigen war dies alles sehr schwierig zu verstehen und allein die Hoffnung blieb, dass die Kinder das einst verstehen mögen. In jedem Falle musste alles ganz anders werden, denn die bestehenden Ordnungen konnten nicht akzeptiert werden. Schon allein die Tatsache, dass man seinen drängenden Hunger bei McDonald's gestillt hatte, konnte einem zum abendlichen Verhängnis werden. Da ich als werdender Jurist ohnehin die herrschende Klasse vertrat, stand ich außerhalb der Betrachtungsweise und diente gerne als Grund für die gelegentlich aufkommende Unruhe. Zu später Stunde wurden die Gespräche wieder etwas mehr auf der Ebene des ‘Normalen’ geführt, so dass man sich durchaus auch über die neuesten Beziehungsprobleme im Freundeskreis unterhalten und auslassen konnte. In dieser illustren Umgebung wirkte mein Freund Peter eher wie ein Fels in der Brandung, welcher diese Diskussionen nur allzu selten aktiv begleitete und sich mit einem wissenden Lächeln zufrieden gab. Ich dachte mir, dass er sehr allein sein musste und fühlte eine gewisse Ohnmacht, da es mir nicht möglich war, ihm in irgendeiner Weise zu helfen. Mit einem letzten Händedruck und einem sehnsüchtigen Blick trennten wir uns dann für diesen Abend und wir wussten, dass es ein Abschied für eine längere Zeit war. Wir hatten uns zufällig wieder getroffen. Auch diesmal würden wir dies nicht ändern, da wir nicht einmal wussten, wie wir den anderen erreichen sollten.

 

Ich lag wieder im Bett und dachte noch einmal über diesen Tag nach, die Bettdecke wärmte sich, Träume kamen auf. Jetzt nur nichts verlieren, nur nichts weggeben. Was auch?

 

Ein lästiges Hupen unterbricht meine Gedanken und ich werde auf grausame Weise wieder in meinen Garten gezogen. Der Nachbar ist zu später Stunde wieder nach hause gekommen und versucht nun sein Dienstmädchen zum Öffnen der Türe zu bewegen. Wie bin ich nur hierher gekommen? Welchem Umstand habe ich es zu verdanken, dass ich am Ende meines Weges in diesen Abgrund stürze, in dieses Nichts eines grundlosen und ereignislosen Daseins, in die Heimatlosigkeit und die Kälte der Gefühllosigkeit? Ich habe keine Heimat mehr, keine Freunde und kein Ziel, das es zu erreichen gilt. Und das Sterben ist ein langsamer und nur allzu oft schleichender Vorgang, der wohl meist ganz unbemerkt einsetzt, solange, bis der eigentliche Tod ins Geschehen tritt und für übliche Überraschung sorgt. Dabei ist der Tod nur der Endpunkt eines langen Weges, der sich oft über die Berge und Täler des gesamten Lebens zieht. Es ist seltsam, dass wir den Beginn des Sterbens nicht bemerken, hängt doch so viel von diesem Ereignis ab. Doch in der Nacht sieht die Welt immer ganz anders aus, verliert seine scharfen Kanten und lässt uns tief einatmen, um die Besonderheit dieser Zeit zu genießen. Verschwunden sind all die lästigen, störenden und nervenden Geräusche des Tages. An ihre Stelle ist die Ruhe getreten, eine Ruhe, die unglaubliche Macht über uns gewinnt, sobald wir es zu-lassen uns in dieser Ruhe auszuruhen und ihr zu lauschen, die Geschichten zu hören, die in Generationen vor uns gelebt und nie aufgeschrieben wurden. Es sind die Geschichten der Liebe und des Leidens, es sind die Geschichten des Menschen.

 

Ich empfinde eine tiefe Leere in mir. Es ist das kalte Gefühl des Versagens, das sich über die letzten Jahre in mir ausgebreitet hat und vieles verdrängte, was mir einst lieb und teuer gewesen war. Ich habe verloren, habe meine Ziele aufgegeben und mich dem sich unaufhaltsam ausbreitenden Nichts hingegeben ohne mich in einer nennenswerten Art dagegen zu wehren, mich gegen diese Verarmung des Geistes zu stemmen und ohne mich über die Vorgänge zu stellen, die so ungebeten wie machtvoll in mir tätig geworden sind. Ich habe aufgegeben, mich treiben lassen und mich nicht einmal gewundert, wo all die Hoffnungen und Begierden meiner Jugend geblieben sind, wohin der Drang nach Erlebnissen und nach neuem Wissen verdrängt wurde und wo das tief empfundene Gefühl jetzt und hier zu leben noch zu finden wäre. Ich habe mich von der Welt so weit entfernt, dass selbst die Not und das Leiden um mich nicht mehr in der Lage sind, mich aufzuwühlen, Rebellion zu entfachen und das Beste in mir zum Leben zu bringen. Es ist einsam geworden und letzt-lich bin ich mir nur selbst geblieben, ohne Heimat und Zuflucht und ohne die helfende Hand, die ich so dringend benötigen würde, gerade jetzt, da ich im Universum treibe, vom weltlichen Denken verspült, hilflos nach einer Zuflucht suchend, die in diesem schwarzen Raum nicht mehr zu finden scheint. Ich leide und mein Inneres sagt mir, dass ich mich daran gewöhnt habe, süchtig geworden bin und immer weiter in diese Isolation treiben werde, um den seelischen Schmerz in seiner Vollendung zu erfahren, um genusssüchtig mit meinem Zerfall zu spielen und dabei ruhig zu sehen, wie sich mein Körper, mein Geist und meine Seele entblößen und den Zerfall sichtbar machen, der inzwischen kaum mehr erkennen lässt, wie ich einst ausgesehen habe. Verschwunden ist das Lachen, die Zuversicht und die Liebe, das freie Baden im Fluss des Lebens und das gierige Aufsaugen des Schönen. Ich sehe nichts mehr. Es ist alles grau und schwarz geworden, wie die Nacht, die mich umgibt, und Eintönigkeit hat das Leben, das Erleben in allen Bereichen ersetzt. Ich habe mich nun völlig in mich zurückgezogen, habe mich auf eine Insel begeben von der es kein Entkommen gibt und die von keiner anderen Seele je erreicht werden kann. Die Mauer, die mich beschützen sollte und an der ich so lange gearbeitet habe, ist nun zu meiner Bedrohung geworden. Was geblieben ist sind die Bewegungen auf der anderen Seite, das Klopfen und Hämmern. Vergeblich. Ich bin eingemauert, verschlossen und niemand kann das mir so lieb gewordene Leiden stören oder gar vernichten. Und nun, umgeben von der Dunkelheit der warmen tropischen Nacht, suche ich nach dem Sinn, dem Licht, das mich leiten könnte, dem ich vertrauen und folgen könnte und das mir den Weg ins Ungewisse zeigen würde. Einen Weg, der nicht in meiner naiven Vorstellung existiert, den ich mir nicht zu erträumen wage und der nur in meinen Träumen gelegentlich aufblitzt, mich fasziniert und doch die verbotene Frucht ist, die unerreichbar ist und mir nicht zusteht. Doch die Nacht ist still und undurchdringlich. Die Schwüle der Luft gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, das Gefühl in Sicherheit zu sein. In diesen nächtlichen Stunden bewegt sich nichts, der Gesang der Vögel ist verstummt, die Farben des Gartens haben sich der grauen Umgebung angepasst und die Seelen schlafen, schlafen tief und sind für mich nicht mehr erreichbar. Nichts ist mehr erreichbar, selbst wenn ich mich zu so später Stunde noch zum Ausbruch entschließen wollte, wenn ich mich endlich dazu entschließen sollte, die Mauer einzureißen und in die Freiheit zu schreiten, die meine Sehnsucht erfüllt. Doch diese Nacht lässt dies nicht zu, behütet mich vor Nachlässigkeiten, bedrückt meine Gedanken und bewahrt mich vor dem Drang der Befreiung. Ich werde ruhiger, begebe mich wieder ins Innere meiner Welt und lasse mich in meiner Wertlosigkeit, meiner Bedeutungslosigkeit und meiner grenzenlosen Mittelmäßigkeit treiben. Ich schwimme auf den Wellen einer Sinnlosigkeit, die sich in allen Dingen ver-steckt. Ich huldige dem Tode, der allein in der Lage ist, mich von den Fesseln des Weltlichen zu befreien, mir die Qualen zu nehmen und mir die Freiheit zu geben, die ich hier in dieser Nacht nicht zu leben vermag. Ich habe alles verloren, habe mich von allem gelöst und der Welt meinen Abschied eingereicht. Ich habe mich endlich befreit und gehe nun daran zugrunde.

 

Ich habe mich mit weltlichen und materiellen Gütern eingedeckt und kann es mir endlich erlauben mich von den Zwängen der Arbeit zu lösen. Ich habe mich von meiner Heimat gelöst und genieße nun ein Leben, das es mir erlaubt meinen eigenen Weg zu gehen. Und doch, ich finde nichts in diesem Einerlei, nichts was es wert wäre genannt zu werden. Es ist nahezu widersinnig, dass der Gewinn der Freiheit nichts anderes nach sich zieht als Angst, Angst vor der Zukunft. Es ist widersinnig, dass all die Mühen, die Selbstaufgabe und die Versklavung nicht mehr hervor gebracht haben als die Erkenntnis, dass alles Be-deutende vor uns liegt, dass es keine Geheimnisse gibt. Lange vergessen sind die seltenen Stunden des Glücks, die ich in Begleitung anderer erfahren durfte und die mir die Hoffnung gaben, dass auch ich über die Zeit zu meiner Heimat finden würde, mich endlich ausruhen dürfte und mein Dasein so zu genießen, wie ich es wollte. Ich habe es nicht geschafft, habe versagt und bin doch der gleiche Geist geblieben, der ich immer war. Ist es mir vorbestimmt, ist es mein Schicksal, dem ich nicht zu entrinnen vermag? Bin ich machtlos, mich gegen die göttlichen Pläne zu wehren, vom Baum der Weisheit zu essen und meine eigene Unsterblichkeit zu betreiben? Niemand ist mir wirklich geblieben, um mich auf meinem einsamen Weg durch die Nacht, diese Nacht zu begleiten. Alle sind sie verschwunden, selbst die Feinde haben mich verlassen, haben das Interesse an mir verloren. Ich habe die Menschen und ihre Seele immer gesucht und gebraucht. Ich habe sie dafür gehasst, verabscheut und gemieden. Ich hatte nie das aufrichtige Gefühl mit anderen Menschen reden zu können, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken und zu hören, was sie zu sagen haben. Und ich habe es einfach ausgeschlossen, dass sie in meine Welt kommen, mich sehen, an mir Teil haben. Vielleicht lag es an der tief verwurzelten Vorsicht oder dem mir eigenen Misstrauen gegen alles Menschliche. Vielleicht ist es auch nur die Reaktion auf mir unbequeme, unangenehme oder widerliche Situationen, die sich immer dann wie von selbst ergeben, wenn man mit anderen Seelen in Kontakt tritt, sich auf sie einlässt ohne über die Werkzeuge zu verfügen, die man zur Kontrolle benötigt, die erforderlich sind, um die anderen in Schach zu halten. Vielleicht liegt es nur daran, dass ich sehe, höre, aber nie berühre.

 

So sehr mir auch daran gelegen wäre, die Schuld an dieser Miesere anderen in die Schuhe zu schieben, so sehr fällt es mir schwer die Vorsehung zu verneinen. Natürlich gäbe es da vieles, wofür man andere in die Verantwortung nehmen könnte, doch die Ereignisse der Jahre reihen sich wie Perlen einer Kette aneinander und bilden nun ein natürliches Ganzes, das sich als mein Leben zu erkennen gibt und welches zu verleugnen große Anstrengung verlangen würde.

 

Das Motorgeräusch hat das Hupen des Nachbarn überlebt und noch immer wartet er auf die Dienstmagd, die ihm die Türe öffnen soll. Hier macht man seine Türen nicht selbst auf, wenn man auf sich hält und es zu etwas gebracht hat. Nein, hier gibt es ja Bedienstete, die zu jeder Stunde des Tages bereit stehen, um dem Hausherren alle nur erdenklichen Tätigkeiten und Verrichtungen abzunehmen. Auch jetzt ist dies der Fall, denn schon bald erscheint ein junges Mädchen hinter dem Zaun und schickt sich an, die Türe für den späten Heimkehrer zu öffnen. Das Auto verschwindet in der Hofeinfahrt und nach einigen Geräuschen ist es wieder ruhig. Die Nacht hat nun die Kontrolle wieder übernommen und meine Gedanken fallen wie Steine wieder in mich zurück. Ich habe endgültig verloren und will mit alledem nichts mehr zu tun haben. Ich stehe auf, drücke die letzte Zigarette aus und schließe die Türe hinter mir. Der Weg führt mich durch die dunklen Gänge meines Hauses, da ich die Hunde nicht wecken will. Es ist Zeit ins Bett zu gehen, Schlaf zu suchen. Es ist den Versuch wert. Ich lege mich hin, ziehe mir die Decke über und versuche zu schlafen. Es gelingt mir nicht. Ich fühle mich einsam und stehe wieder auf, um aus dem Fenster zu sehen. Meine Blicke durchströmen die Häuser und Bäume und ich stelle fest, wie klein ich doch bin. Hier in diesem Zimmer findet mein Leben statt und ich habe Angst nach draußen zu gehen. Meine ersten Liebesbeziehungen waren stetig von der Angst umgeben, dass es bald wieder zu Ende sein könnte und die schönsten Augenblicke hatten daher immer den Makel der Vergänglichkeit. Schon damals hatte ich die Ahnung, dass diese Angst der Grund für mein Versagen war, jedoch war es für mich bedeutend schwerer die Dinge in einem positiven Licht zu sehen. Das Leben zu durchleiden war viel intensiver und wertvoller als das unbeschwerte und einfache Leben, wie ich es von vielen meiner Freunde kannte. Ich wollte mich nicht auf die Ebene der Ignoranz herablassen und das Leben nur genießen. Nein, ich wollte die Gründe begreifen und immer sicher sein, dass alles nur logisch, zielgerichtet und konsequent war. Zwar stellte ich immer auch Emotionen in meine Überlegungen ein, doch für die zu treffende Entscheidung wagte ich nicht mich daran zu orientieren. Es erschienen mir oberflächlich und zutiefst ordinär. Etwa so wie der gewöhnliche Anblick des Nachbarn, der sich mit unerträglich zufriedenem Gesicht anschickt seinen Rasen zu pflegen. Immer bewegt er sich absichtlich langsam und man kann kaum übersehen, dass ihm seine Arbeit Spaß macht. Sollen sie doch zufrieden sein mit ihrem bisschen Leben, sollen sie sich doch ihr ganzes Leben abrackern und am Ende ihrer Tage in der abendlichen Sonne an die verpassten Gelegenheiten denken und sich in ihrer Gerechtigkeit baden. Ich drehe mich um und suche nach einer Zigarette. Ich denke, dass es wohl besser sei an seinem Leben zu verzweifeln als von der Mittelmäßigkeit gefressen zu werden.